Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis auf Föhr
... so weit der Himmel ist ...


Morgengebet

Der Wecker klingelt. Er streckt den Arm aus uns tastet auf dem Nachttisch umher. Er findet den Wecker und drückt ihn aus. Er schlägt die Augen auf. Es ist schummrig im Zimmer. Hinter der Gardine ahnt er das erste Licht dieses Herbstmorgens. Er richtet sich auf und stellt die Beine aus dem Bett. Er reibt sich den Schlaf aus den Augen und wischt die Müdigkeit aus dem Gesicht. Er legt die Hände zu einer Schale zusammen.

„Danke, guter Gott“, sagt er. „Danke für die Ruhe der Nacht und das Licht des neuen Tages, der vor mir liegt.“ Er schweigt einen Augenblick. Er wartet auf die Gesichter.

Als erstes sieht er die Tochter. Gestern Abend hat er mit ihr telefoniert. Sie hat ihm erzählt – von dem Fest, das sie gerade im Sportverein vorbereiten. Und von dem Ärger über die Kollegin, die ihr immer die Arbeit herüberschiebt. „Ich bitte dich, Gott, für meine Tochter – und für die Kollegin.“

Er sucht weiter. Das Gesicht seines Enkels taucht auf. Am Dienstag lag eine Postkarte von ihm im Briefkasten. Aus Südfrankreich, wo er mit seinem Freund und Zelt und Rucksack unterwegs ist. Das Trampen mache Spaß, stand auf der Karte. „Ich bitte dich, Gott, für die jungen Leute“, sagt er. „Um freundliche Autofahrer und eine gute Rückkehr.“

Dann erscheint die ehemalige Nachbarin. Er wird sie heute besuchen. Wie er sie wohl antreffen wird? Vor einer Woche hat sie ihn nicht erkannt. Sie ist schon ganz weit weg. Sie wartet, dass der Tod kommt. „Ich lege sie und ihr Leben in deine Hände, Gott“, sagt er.

Er schweigt einen Augenblick. „Geleite sie alle durch den Tag“, sagt er. Dann steht er auf und zieht die Gardine zur Seite. Der neue Tag beginnt.