Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis auf Föhr
... so weit der Himmel ist ...

Die aktuelle Predigt

Hier finden Sie in der Regel die Predigten der letzten beiden Sonntage. Weitere Predigten finden Sie hier.

Wie du selber umarmt werden willst
Kirsten Hoffmann-Busch über 1. Johannes-Brief 1,5 bis 2,6

Rembrandt van Rijn, Die Heimkehr des verlorenen Sohnes, 1642 (Haarlem, Tylers Museum)

Das ist die Botschaft, die wir von Jesus Christus gehört haben und die wir euch verkünden: Gott ist Licht, in ihm gibt es keine Spur von Dunkelheit. (1 Johannes-Brief 1,5)

Einer, der sich Johannes nennt, schreibt das an seine Gemeinde.
Gott ist Licht. Gott ist eine Gestalt aus Licht. Jesus erzählt von ihm, als er von dem Vater erzählt, der aus seinem Haus stürzt und dem Sohn entgegen läuft.
Ich versuche mir Gott so vorzustellen. Wie einen, den die Freude ganz und gar ausfüllt. Das Herz macht einen Sprung, als er den sieht, den er so lange vermisst hat.
Fast setzt das Herz aus. Ein freudiger Schreck. Was auch immer er gerade in der Hand hat – er lässt es fallen. Er rennt zur Tür. Er reißt sie auf.
Er läuft los. Es sieht ein wenig merkwürdig aus. Da rennt einer, der das nicht mehr gewohnt ist. Einer, der bald ein alter Mann ist, läuft wie ein Kind. Leichte Schritte, fast ein Hüpfen.
Und wie ein Kind lacht und juchzt er. Mit einer glockenhellen Stimme ruft er von weitem: Kind. Sohn.
Und dann, auf den letzten Metern, breitet er die Arme aus und stolpert fast. Schließlich schlingt er die Arme um den, der vor ihm steht, und umarmt ihn so fest, wie er kann.
Der Atem geht schwer, und man weiß nicht, ob er nach Luft schnappt. Oder ob er vielleicht schluchzt. Vor Glück, weil sich eine Sehnsucht
erfüllt hat.
Die Augen strahlen, das ganze Gesicht leuchtet. „Da bist du wieder.“ Und zärtlich fährt die Hand dem Wiedergefundenen durch die Haare und über das Gesicht.
Gott ist eine Gestalt aus Licht. Eine Lichtgestalt, die den, den sie wiederfindet umarmt und einhüllt mit leuchtender Liebe.

Johannes schreibt in seinem Brief:
Wir lügen, wenn wir behaupten: »Wir haben Gemeinschaft mit Gott!«, aber unser Leben nach der Dunkelheit ausrichten. Was wir tun, steht dann im Gegensatz zur Wahrheit.
Gott selbst ist ja im Licht. Wenn wir nun ein Leben führen, das – wie er selbst – im Licht ist, haben wir Gemeinschaft untereinander.

(1 Johannes-Brief 1,6-7a)

Gott ist Licht. Gott selbst ist ja im Licht. Jesus erzählt weiter von ihm, als er von dem Vater erzählt, der noch einmal vor die Tür tritt.
Dort steht der andere Sohn in der hereinbrechenden Nacht. Düster sind seine Gedanken, dunkel fühlt es sich in ihm an.
Ich frage mich, was ihn davon abhält, einfach hineinzugehen. Dorthin, wo das Licht ist und sie gerade ein Fest feiern. Was hält ihn draußen vor der Tür, dort im Dunkeln, fest?
Fragen wir ihn, den Sohn. Er wird womöglich antworten: Der Vater lässt mich hier draußen im Dunkeln stehen. Die Party steigt ohne mich. Ich bin nicht eingeladen.
Fragen wir den Knecht, der neben ihm steht und ihm von dem Fest erzählt. Wenn er mutig ist, wird er vielleicht antworten: Keiner schließt dich aus. Du selber bist es, der draußen im Dunkeln bleibt.
Ob dem Sohn das hilft, die dunkle Wolke zur Seite zu schieben, die sich zwischen ihn und das Licht geschoben hat? Eine Wolke aus Neid und Eifersucht.
Liebe und Leben lassen sich nicht teilen, flüstert es aus der Wolke. Wer dich liebt, darf nur dich lieben. Was bleibt von der Liebe, wenn auch andere von ihr bekommen?
Wer sich dem einem zuwendet, muss sich schließlich von dem anderen abwenden. Und was der eine erhält, ist für den anderen verloren. So ist es doch, oder?
Dem Sohn fehlt die Kraft, die dunkle Wolke zu vertreiben. Sie legt sich schwer aufs Gemüt. Mit dem Bruder, der ihm die Liebe des Vaters stiehlt, will er nichts zu tun haben.
Und er wendet sich um und will fortgehen von diesem Vater, der seine Liebe verschleudert wie der Bruder das Erbe.
Doch dieser Vater tritt vor die Tür und geht ihm nach und nimmt ihn in den Arm und hüllt ihn ein in sein Licht und lädt ihn ein zum Fest.
Seine Gegenwart vertreibt die dunkle Wolke und ihr Flüstern verstummt. Der Sohn fühlt wieder, was er früher schon fühlte: Liebe leuchtet wie das Licht. Wenn ich Licht teile, wird es mehr. Wenn ich die Liebe teile, wird es heller.

Johannes schreibt weiter an seine Gemeinde:
Wir betrügen uns selbst, wenn wir behaupten: »Uns trifft keine Schuld!« Dann ist die Wahrheit nicht in uns am Werk.
Wenn wir aber unsere Schuld eingestehen, ist Gott treu und gerecht: Er vergibt uns die Schuld und reinigt uns von allem Unrecht.

(1 Johannes-Brief 1,8-9)

Gott ist Licht. Gott ist treu und gerecht. Jesus erzählt von diesem Vater, der ganz anders treu und ganz anders gerecht ist, als die beiden Söhne es erwarten.
Was sie erwarten, ist: Ich bekomme, was ich verdient habe. Ich werde belohnt dafür, dass ich all die Jahre für den Vater gearbeitet habe, erwartet der eine.
Der andere erwartet: Weil ich das Erbe verschleudert habe, muss ich etwas tun, um das wieder gut zu machen. Und irrt sich genauso wie sein Bruder.
Er hat sich das in Selbstgesprächen fein säuberlich zurecht gelegt: Vater, ich stehe in deiner Schuld. Aber ich will die Schuld abtragen. Stück für Stück.
Er sagt es auch dem Vater: Ich bin schuldig geworden. Wer mag ermessen, wie viele unruhige Nächte ihn das zuvor gekostet hat. Wer gesteht schon gern eine Schuld ein?
Doch der Vater hört gar nicht, was der Sohn zu sagen hat. Er ist davon ausgefüllt, sich über die Rückkehr zu freuen. Statt ihn als Knecht anzustellen, gibt er ihm den Ring des Erben.
Von Schuld sprechen nur die beiden Söhne. Der eine, weil er Angst hat, dass das, was er getan hat, ihn vom Vater trennt. Der andere, weil er den Vater davon überzeugen will, dass es doch genauso ist: Die Schuld trennt.
Aber für den Vater ist die Schuld nichts, was trennt. Mit einem Handstreich der Liebe wischt er sie einfach beiseite. Im Licht seiner Liebe verschwindet, was die Söhne für einen dunklen Fleck halten.
Ob die Söhne das verstehen können? Ob ich das annehmen kann? Es zählt nicht die Schuld, die einer angesammelt hat. Es zählt, was Gott daraus macht: eine Umarmung.
Die Schuld fängt erst da an, wo ich meine, es gibt etwas, das mich von Gott trennen könnte. Erst da, wo ich meine, Gott könne mir nicht treu sein und gerecht werden.
Die Schuld trifft Gott: Wenn ich ihm nichts zutraue, verschleudere ich sein Erbe. Die Schuld trifft mich. Weil ich Gott nie kennen lernen, wenn ich ihm nicht alles zutraue.

Johannes schreibt:
Ob wir Gott wirklich kennen, können wir daran ablesen, dass wir seine Gebote halten. Wer behauptet: »Ich kenne ihn«, aber seine Gebote nicht hält, ist ein Lügner. In ihm ist die Wahrheit nicht am Werk.
Aber wer sich an sein Wort hält, in dem ist die Liebe Gottes wahrhaftig vollendet. Daran können wir ablesen, ob wir in der Gegenwart Gottes leben.

(1 Johannes-Brief 2,3-5)

Gott ist Licht. Gott ist nah und gegenwärtig. Jesus erzählt davon, als er vom Vater erzählt, der seine beiden Söhne umarmt. Da hört die Geschichte auf, die Jesus erzählt.
Mit Fragen hört sie auf. Geht der andere Sohn noch hinein und feiert Wiedersehen mit seinem Bruder? Wie lange dauert das Fest, das sie hoffentlich alle Drei gemeinsam feiern?
Ich frage mich auch: Wie sieht der Alltag aus, der sie früher oder später einholt? Wie viel bleibt in diesem manchmal so grauen Alltag von dem Licht, das Gott ist?
Jesus erzählt von dem Vater, der seine Söhne liebt wie sich selbst. Er erzählt von Gott, der wie dieser Vater ist. Einer, der die Söhne umarmt, wie er von ihnen umarmt werden will. Mit ganzem Herzen und von ganzer Seele.
Ich stelle mir vor: Die Söhne genießen, wie sie umarmt werden. Sie finden gefallen daran. Sie spüren den Druck, mit denen der Vater sie umarmt.
Sie spüren ihn auch dann, wenn sich die Umarmung einmal kurz löst. Dann sehen sie sich danach, von neuem umarmt zu werden.
Diese Sehnsucht stillen sie, indem sie sich gegenseitig umarmen. Das, was sie einmal getrennt hat, hat zwischen ihnen keinen Platz mehr. Sie wollen sich ja umarmen. Also haben sie es gemeinsam zur Seite geschoben.
Sie umarmen einer den anderen, wie sie selber umarmt werden wollen. Sie wenden sich einander zu, wie ihr Vater sich ihnen zugewandt hat. Und darin ist ihnen immer auch der Vater nahe.
Daran können wir ablesen, dass wir in der Gegenwart Gottes leben: Wir haben einmal gespürt, wie Gott uns umarmt. Wir spüren immer noch den leichten Druck an der Seele: Du gehörst zu mir.
Wir suchen immer wieder nach dieser Umarmung. Und finden sie, wenn wir einen anderen Menschen umarmen. Wenn wir ihn umarmen, wie wir von Gott umarmt sind. Und wenn wir ihn umarmen, wie wir selbst umarmt werden wollen.
Eines Tages kam einer, der vormachte, wie das geht: umarmen. Er umarmte, wie er selbst umarmt war, ganz und gar, von Gott, dem Vater. So fing es an, so geht es weiter.

Johannes schreibt:
Wer von sich sagt: »Ich lebe in der Gegenwart Gottes!«, geht damit eine Verpflichtung ein – so zu leben, wie Jesus gelebt hat.
(1 Johannes-Brief 2,6)

Nach dem Fest ist vor dem Fest - Ein Dialog
2. Sonntag nach Trinitatis - Kirsten Hoffmann-Busch & Philipp Busch über Lukas 14,16-23

Weißt du noch das Fest?

Fest? Welches Fest?

Na, das Fest. Wo wir erst nicht...

Ach, das Fest. Ohja. Das weiß ich noch.

Das war ein richtig tolles Fest.

Ja. Das war es wirklich.

Der riesige Saal, die langen Tafeln.

Überall Kerzen. Blumen.

Wie weich sich das frische Brot anfasste. Noch warm.

Dazu der Schafskäse und die Oliven.

Und der Schluck Wein. So leicht.

Nichts Außergewöhnliches eigentlich. Aber lecker. So lecker.

Und du wolltest erst gar nicht hingehen.

Naja. Ich war ja gerade im Garten zugange.

Ja, die Erdbeeren. Da haben wir dann eine Schale von mitgenommen zu dem Fest.

Die sind jetzt wieder reif, übrigens.

Ich weiß.

Dir war das peinlich, die Erdbeeren mitzunehmen.

Ja, aber ich habe dich ja machen lassen.

Das gehört sich doch so, wenn man überraschend eingeladen wird. Und dann noch von Leuten, die man nicht kennt.

Ich verstehe immer noch nicht, dass wir da überhaupt hingegangen sind.

Der hat ja aber auch nicht locker gelassen, der da plötzlich bei uns im Garten stand.

Der hat so lang gedrängelt, bis wir gesagt haben, dass wir kommen.

Und dann kam er nach einer Stunde wieder, um uns abzuholen.

Damit wir auch wirklich kommen und es uns nicht noch einmal anders überlegen.

Fast wie eines unserer Kinder, das uns an die Hand nimmt und uns mit sich zieht, um uns etwas zu zeigen, auch wenn wir eigentlich gerade überhaupt nicht wollen.

Wie gut, dass wir uns haben überreden lassen.

Er hat uns ja auch ordentlich den Mund wässrig gemacht. Wie er uns davon vorgeschwärmt hat, was uns alles erwartet.

Ach, neugierig war ich ja auch schon so. Auf dem Markt hatten sie schon davon erzählt, dass der Neue auf dem Hof etwas ganz Großes vorbereitet.

Aber dass die uns einladen. Ausgerechnet uns. Wo wir doch gar nicht zu denen gehören. In diese feinen Kreise.

Dachtest du. Und dann war das ganz anders.

Ja. Dann waren wir da und saßen an der Tafel. Und das fühlte sich so an, als gehörten wir schon immer dazu.

Naja. Am Anfang war das schon ein wenig merkwürdig. Die große Tafel. Die vielen Menschen.

Denen schien das wie uns zu gehen. Die staunten, dass sie eingeladen waren. Und dass sie gekommen waren. Und wo sie da wohl gelandet waren.

Und dann saßen wir alle am Tisch und keiner traute sich anzufangen oder auch nur etwas zu sagen.

Aber wir waren ja auch alle das erste Mal bei so einem Fest.

Das wurde dann ja anders. Als es endlich losging.

Das war schon besonders, wie das losging. „Wir wollen das Leben feiern.“ So hat Er doch gesagt, oder?

„Wir wollen das Leben miteinander feiern. Das Leben, das Gott jedem von uns geschenkt hat.“

„Schmeckt und seht, wie freundlich Gott zu jeder von uns ist.“ Das hat Er auch gesagt.

Und das haben wir dann gesehen. Und geschmeckt.

Das Brot. Der Schafskäse.

Und die Erdbeeren. Weißt du noch, wie Seine Augen geleuchtet haben, als du Ihm die Schale gegeben hast?

Aber Er selber hat nur zwei oder drei davon gegessen. Alle anderen hat Er weitergereicht.

Damit hatten wir nicht gerechnet. Dass einer, der so reich ist, so bescheiden und so großzügig sein kann.

Unser Vorurteil. Die da oben, wir hier unten.

Ach ja. So viele Vorurteile saßen da um den Tisch. Ich meine: Lauter Leute, die übereinander Vorurteile hatten.

Über die wir Vorurteile hatten. Die Zugezogenen mit den verzogenen Kindern von der anderen Straßenseite.

Die Alte, die immer am Zaun steht und darauf wartet, dass einer vorbeikommt, mit dem sie über andere tratschen kann.

Die beiden Männer, die Tag für Tag im Park sitzen und sich ihre Welt mit Korn schön trinken.

Aber mit jedem Häppchen Brot mit Schafskäse haben sich die Vorurteile aufgelöst.

Oder die Menschen haben sich verändert. Die Zaunfrau hat von sich erzählt, von den einsamen Abenden in ihrem Haus.

Die Kinder haben sich gegenseitig das Essen aufgetan.

Und die beiden Männer bekamen auf einmal einen klaren Blick.

So haben die sich verändert an dem Abend.

Und wir? Sind wir andere geworden?

Jedenfalls sind wir seit dem Fest Gesegnete.

Oh ja. Das sind wir.

Als Er am Ende des Festes aufstand und die Hände ausbreitete und jede und jeden einzeln anschaute.

„Gott segne dich und behüte dich. Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Gott hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“

Das war noch besser als das Brot. Oder die Erdbeeren.

Das war, als würde er ein Netz unter dir aufspannen. Eines, das dich auffängt, falls du fallen solltest.

Ein Netz aus Vertrauen. Du kannst dem Leben vertrauen. Du kannst Gott vertrauen.

Das läuft sich viel leichter mit so einem Netz unter dir. Du hast keine Angst mehr, dass dir etwas geschieht.

Denn du weißt: Falls dir etwas geschieht, fängt dich einer auf. Einer, der für dich da ist. Wo du auch hingehst.

Also gehst du einfach los. Nicht übermütig und tollkühn. Aber zuversichtlich und gechillt.

Ach ja. Ich erinnere mich. So sind wir von dem Fest nach Hause gegangen. Zuversichtlich und gechillt.

Schade, dass Er dann so bald weitergezogen ist. Ich hätte mich so gern noch einmal von Ihm einladen lassen.

So so.

Du weißt, wie ich das meine. Noch einmal so ein Fest, bei dem alles so gut schmeckt. Das Brot. Die Gemeinschaft.

Und am Ende das Gefühl: Du bist gesegnet. Gott meint es gut mit dir.

Das verliert sich so leicht im Alltag. Da kommst du von dem Fest nach Hause und keiner hat zwischenzeitlich aufgeräumt.

Und du hattest dir vorgenommen: Jetzt wird alles anders. Und schwuppdiwupp bist du wieder im selben Trott.

Nur dass du dich an das Fest erinnerst und dich danach sehnst, dass es doch immer so wäre.

Oder wenigstens immer mal wieder. Ein bisschen Alltag. Und dann mal wieder ein Fest.

Das ist die Idee.

Was?

Wir machen ein Fest!

Wir machen ein Fest?!

Wir laden die alle zu uns ein. Die von gegenüber. Die Frau vom Zaun. Die beiden Männer. Und all die anderen.

Und dann gibt es Brot und Schafskäse. Und Erdbeeren.

Wenn du sie erntest.

Wenn ich sie ernte.

Und wer weiß: Vielleicht kommt Er ja auch vorbei.