Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis auf Föhr
... so weit der Himmel ist ...

Die aktuelle Predigt

Hier finden Sie in der Regel die Predigten der letzten beiden Sonntage. Weitere Predigten finden Sie hier.

Zeig dich!
Sonntag Invokavit -- Philipp Busch

Stell dir vor, du wirst auf die Probe gestellt:
Vor zwei Wochen hast du in der Bücherei einer Angestellten ordentlich die Meinung gesagt.
Du fandest sie schon immer unangenehm rechthaberisch. Nun wollte sie dir ein Buch in Rechnung stellen, das du längst abgegeben hattest – dachtest du. Bis due es gestern unter deinem Sofa entdeckt hast.
Was machst du? Gibst du das Buch ab und tust so, als sei nichts geschehen? Oder gibst du das Buch ab und bittest sie um Entschuldigung? Oder bittest du jemand anderen, das Buch für dich abzugeben?

„Zeig dich! Sieben Wochen ohne kneifen.“ So ist die Fastenaktion der evangelischen Kirche in diesem Jahr überschrieben.
Auf unserer Insel muss man daran erinnern: Am Montag und Dienstag war Fasching. Dann kam der Aschermittwoch. Und heute haben wir den ersten Sonntag der Fastenzeit.
„Eigentlich bin ich ganz anders. Ich komme nur so selten dazu“, sagt Ödon von Horvath. Ich füge hinzu: Aber jetzt, in diesen Wochen bis Karfreitag, wäre die Gelegenheit, mal eigentlich und ganz anders zu sein.

Paulus schreibt nach Korinth und vielleicht auch an uns:

Als Mitarbeiter Gottes bitten wir euch aber auch: Sorgt dafür, dass die Gnade Gottes, die ihr empfangen habt, nicht ohne Wirkung bleibt. Denn Gott spricht: »Zu der Zeit, als ich dir Gnade schenkte, habe ich dich erhört. Am Tag der Rettung bin ich dir zu Hilfe gekommen.« Seht doch! Jetzt beginnt die Zeit, in der Gott Gnade schenkt. Seht doch! Jetzt ist der Tag der Rettung.
(2. Korinther 6,1-2)

Ich habe mit Absicht gesagt: in diesen Wochen bis Karfreitag. Meistens haben wir ja Ostern im Blick. In Gedanken sind wir  schon aus dem Winter heraus und im Frühling angelangt.
Aber der Weg, den wir jetzt an den Sonntagen gehen, der führt Jesus erst einmal in die Kälte hinein. Eisig beißt der Wind, der ihm aus dem Osten ins Gesicht fährt.
Die Passionszeit ist kein Triumphzug, sie ist ein Leidensweg. Dabei könnte Jesus einen anderen Weg gehen. Er könnte kneifen.
Oder auf den Versucher hören, der ihm die ganze Welt und noch viel mehr verspricht. Wenn er nur den leichteren Weg nimmt. Aber Jesus wählt den schwereren Weg. Den Weg, den Gott ihm weist.
Am Anfang dieses Weges dienen ihm die Engel und bringen ihm Brot. „Jetzt beginnt die Zeit, in der Gott Gnade schenkt“, schreibt Paulus.
Das klingt verrückt: Gnade – wäre das nicht das, was der Teufel verspricht: Nie Hunger nach Leben, sondern immer Brot die Fülle. Kein Stein, über den ich stolpere, sondern immer auf den Händen getragen werden. Nie etwas erleiden oder ertragen müssen, sondern über die Welt herrschen?
Nein, höre ich Paulus sagen, Gnade beginnt dort, wo du nicht kneifst. Gnade findest du dort, wo du den schweren Weg gehst. Wo du Leid trägst und stolperst und dich sehnst. Zeig dich!

Stell dir vor, du wirst wieder auf die Probe gestellt: Eine sehr gute Freundin von dir feiert bald Geburtstag. Du bist nicht eingeladen. Sie sagt dir am Telefon: Du weißt doch, wie wenig Platz wir haben. Das nimmst du mir doch nicht krumm! Wie antwortest du?
Sagst du: Ehrlich gesagt, dass trifft mich schon! Oder etwas verschnupft: Nee, ist doch kein Problem! Oder betont fröhlich: Überhaupt nicht! Was machst du denn zu essen?
Was ist der schwerere Weg? Der Freundin zu sagen, was ich empfinde? Oder der Freundin ein schönes Fest zu wünschen? Was hieße hier: Zeig dich!?

Paulus schreibt:
Wir beweisen in jeder Lage, dass wir Gottes Diener sind: Mit großer Standhaftigkeit ertragen wir Leid, Not und Verzweiflung.
Man schlägt uns, wirft uns ins Gefängnis und hetzt die Leute gegen uns auf. Wir arbeiten bis zur Erschöpfung, ohne zu schlafen oder zu essen.
Wir achten auf einen einwandfreien Lebenswandel, Erkenntnis, Geduld und Güte, den Heiligen Geist und aufrichtige Liebe.
Wir achten außerdem auf die Wahrheit unserer Verkündigung und die Kraft, die von Gott kommt.
Wir erfüllen unseren Auftrag – mit den Waffen der Gerechtigkeit, die Gott uns in die rechte und die linke Hand legt. Wir erfüllen ihn – gleichgültig, ob wir dadurch Herrlichkeit gewinnen oder Schande, ob wir verleumdet werden oder gelobt.

(2. Korinther 6,3-8a)

Paulus kneift nicht. Er erträgt, was er ertragen muss. Er geht den Weg, auf den anderen ihn drängen. Er stellt sich den Mobbern und dem shitstorm.
Paulus zeigt sich. Er wählt, was Gott ihm hinhält. Er geht den Weg, den Gott ihm zeigt. Er will das Böse mit Gutem  überwinden. Er will sagen, was ihm Gott in den Mund und ins Herz legt, auch wenn es anderen als Torheit und Ärgernis aufstößt.
Paulus beweist in jeder Lage, dass er Gottes Diener ist. Wem auch immer er es beweist: Gott oder sich selber. Oder anderen und also auch uns.
Auf alle Fälle sind seine Schuhe mir ein paar Nummern zu groß. Ich könnte in ihnen nicht laufen. Ich bin froh, dass ich es nicht tun muss.

Aber ich möchte etwas lernen von Paulus. Ich möchte von ihm lernen, Gottes Diener zu sein.
Ich ahne, dass ihm das hilft, nicht zu kneifen: Er ist Gottes Diener. Also: Was er tut, tut er nicht für sich.
Ich unterstelle: Wenn ich etwas für mich tue, gehe ich den leichteren Weg. Ich suche das, was mir angenehm ist, was Spaß macht, und weiche jedem Widerstand aus.
Es fühlt sich ein wenig so an, als würde ich nur zu einer Radtour aufbrechen, wenn mir jemand anhaltenden Rückwind aus allen Richtungen verspricht.
Aber Paulus hat ein Ziel, das er erreichen will. Es geht ihm nicht um Wind von hinten oder von der Seite. Es geht ihm um das Ziel, um Gott. Und dafür tritt er in die Pedale. Auch gegen den Wind.
Paulus dient Gott. Ich ahne, dass ihm das auch hilft, sich zu zeigen. Was er tut, tut er für Gott.
Ich unterstelle: Wenn ich etwas für Gott tue, dann schiebt mich das an. Dann kann ich auch den schwereren Weg auf mich nehmen. Gegen den Wind.
Es ist ein wenig wie Doping, allerdings erlaubtes: Das Epo, das meine roten Blutkörperchen bildet, heißt Gnade. Ich tue etwas für Gott, weil er schon längst etwas für mich getan hat. Ich diene ihm, weil er beständig mir dient.
Paulus zeigt sich, weil er das zeigen will: Seht her, Gott ist da. Ich habe es erlebt. Meine Kraft ist Gottes Kraft. Und die zeigt sich gerade dann, wenn ich am schwächsten bin und gegen den Wind kaum ankomme.

Stell dir vor, du wirst ein drittes Mal auf die Probe gestellt: Du bist im Supermarkt und siehst ein paar Regale weiter eine Bekannte stehen, die kurz vor Weihnachten ihren Mann bei einem Unfall verloren hat. Du hast sie seitdem noch nicht getroffen. Was machst du?
Begrüßt du sie und redest mit ihr über das Wetter und wartest, dass sie von selber über den Todesfall spricht? Oder gehst du weiter deinem Einkauf nach und nickst nur kurz, wenn eure Blick sich treffen? Oder gehst du zu ihr und sagst ihr, wie leid es dir tut und fragst sie, wie es ihr geht?
Meistens spürt man ja genau, was zu tun wäre – aber tut es trotzdem nicht. Gegen die erste Regung stehen sofort Ausreden auf, die sich als kluge Einwände tarnen.
Aber wie wäre es, wenn ich gleich tue, was zu tun ist? Dann habe ich die Hausaufgaben erledigt und hinterher frei.

Paulus schreibt:
Wir gelten als Betrüger und sagen doch die Wahrheit. Wir werden verkannt und sind doch anerkannt. Wir sind vom Tod bedroht, und seht doch: Wir leben!
Wir werden ausgepeitscht und kommen doch nicht um. Wir geraten in Trauer und bleiben doch fröhlich. Wir sind arm und machen doch viele reich. Wir haben nichts und besitzen doch alles!

(2. Korinther 6,8b-10)

Paulus hat den klugen Einwänden und geschickten Ausreden die Tür zugeschlagen. Er lässt sie den Raum nicht mehr betreten, in dem er mit seinem Leben und Gott und den anderen zusammensitzt.
Also kann er nicht mehr kneifen und muss sich zeigen. Er braucht nicht mehr zu kneifen und darf sich zeigen.
Paulus jedenfalls entdeckt die Gnade, die auf dem liegt, was er tut. Er sieht Gnade, wo er abgelehnt wird und ausgeschimpft und bedroht. Er spürt Gnade, auch wenn Körper und Seele schmerzen.
Die Gnade verwandelt, was ihm widerfährt. Gott verwandelt, was er erlebt. Das Dunkle beginnt zu Leuchten, in der Kälte blühen die ersten Winterlinge.
Es liegt Gnade auf der Fahrt gegen den Wind. Es liegt Gnade darauf, wenn ich vom leichten auf den schweren Weg abbiege. Es liegt Gnade darauf, nicht zu kneifen, sondern sich zu zeigen.
Gott zeigt sich – also kannst du dich zeigen. Du zeigst dich – also zeigt sich dir Gott.


Paulus und ein Gemälde
Sonntag Sexagesimae -- Kirsten Hoffmann-Busch

Vielleicht gleicht das Leben, das einer lebt, einem Gemälde. Du stehst davor und siehst es an wie ein Gemälde in einem Museum.
Du siehst die Farben, hell und dunkel, kräftig und matt. Du siehst die Formen, weich und scharf, kantig und rund.
Du kannst das alles beschreiben, was du siehst. Aber es fehlt ein Wort, ein Satz, der das Einzelne zu einem Ganzen ordnet. Es fehlt eine Überschrift, ein Titel, der dir hilft, dein Leben auszulegen.
Paulus kennt so ein Wort. Er hat es einst gesagt bekommen –  es ist ihm ins Herz gefallen und dort geblieben:
Der Herr hat zu mir gesagt: »Du brauchst nicht mehr als meine Gnade. Denn meine Kraft kommt gerade in der Schwäche voll zur Geltung.« (2. Korinther 12,10)

Ich stelle mir vor:
Paulus hat sich einen Platz im Schatten des Olivenhains gesucht. Die Hitze setzt ihm zu. Der Kopf pocht mit jedem Schlag seines Herzens.
Er verkrampft. Schmerzen pulsieren durch seinen ganzen Körper. Sie sind die Spuren dessen, was er in den langen letzten Jahren erlitten hat.
Sie kommen aus der Kälte, die während der Nächte im Freien in seine Knochen kroch. Sein Körper erinnert sich an den Hunger und den Durst, den er an manchen Tagen litt.
In den Beinen stecken die Fußmärsche, auf denen er durch das halbe römische Reich zog. Hinter jeder Wegbiegung vermutete er Räuber, die ihn mit ihren Keulen erschlagen würden.
Sein Nacken verspannt sich immer noch aus Angst. Auch die Panik überfällt ihn wieder, die nach ihm griff, als er eine endlose Zeit durch das Mittelmeer trieb, festgeklammert an zwei Planken.
Er sieht noch einmal die hasserfüllten Gesichter der Menschen, die mit Steinen nach ihm werfen. Er spürt, wie sie ihn treffen, an Armen, Beinen und Rücken. Er hört, wie die Rute zischt, und fühlt, wie es brennt, als ihn die Schläge des römischen Soldaten treffen.
Manchmal wünscht er sich, der Tod würde ihn von diesen Schmerzen erlösen. Jetzt, im Schatten unter dem Olivenbaum, sinkt er wenigstens in einen unruhigen Dämmerschlaf.

Als Paulus wieder aufwacht, hat sich eine kleine Wolke für einen Augenblick vor die Sonne geschoben. Ein Lufthauch weht durch den Olivenhain.
Paulus hat den Angriff der Schmerzattacke überstanden. Sein Körper entspannt sich. Hochgefühl breitet sich in ihm aus und mit ihm ganz andere Erinnerungen.
Vierzehn Jahre sind sie alt und doch ganz frisch. Auch damals suchte er den Schatten eines Olivenbaums und rutschte in einen unruhigen Dämmerschlaf. Als er aufwachte hatte sich der Hain in ein Paradies verwandelt.
Zuerst hatte er es gerochen. Ein Geschmack lag in der Luft, der ihn an die Ankunft des Frühlings erinnerte.
Dann hatte er es gesehen. Ein warmes Licht lag zwischen den Bäumen, das geradewegs in sein Herz schien.
Schließlich hatte er es gehört. Es war ein Gesang, der zugleich von außen kam und in ihm klang.
Als würde seine Seele schwingen. Er genoss diese Melodie, er nahm das Licht begierig auf und sog die Frühlingsluft ein. Dann schloss er die Augen.
Nach einer kleinen Weile machte er sie wieder auf und saß auf kargem Boden unter dem Olivenbaum, geblendet von der Sonne.
Aber der paradiesische Augenblick blieb in ihm wach, bis heute. Manchmal wünscht er sich, er würde den Weg zurück finden dorthin, in den dritten Himmel.

Paulus steht auf und klopft sich den Staub ab. Er hat noch eine ganze Strecke vor sich, bis er sein Ziel erreicht.
Titus, der Freund, hilft ihm auf den Esel. Der eine wird ihn in die Stadt tragen. Mit dem anderen wird er unterwegs Wasser und Datteln und Gedanken teilen.
„Wird es gehen?“, fragt ihn Titus, als Paulus sich auf dem Eselsrücken zurechtsetzt. „Es wird“, antwortet er.
„Ich bewundere deine Kraft, ich hätte sie nicht so wie du“, sagt Titus und gibt dem Esel einen Klaps. Sie laufen los.
Wortlos gehen sie voran, Paulus auf dem Esel, Titus neben ihnen her.
„Weißt du, Titus“, bricht Paulus irgendwann das Schweigen. „Weißt du, es ist ja nicht meine Kraft, die ich habe. Das habe ich gelernt und erfahren in all den Jahren. Aber weil ich weiß, dass ich keine Kraft habe, muss ich mich an andere Kräfte halten. Du leihst mir deine Kraft, um auf den Esel zu kommen, weil ich es mit meiner nicht schaffe. Und unser Herr leiht mir seine Kraft, die Menschen in seinen Gemeinden zu sammeln, weil ich es mit meiner Kraft nicht schaffe.“
„Das mache ich doch gern“, entgegnet Titus. „Ich helfe dir gern auf den Esel und trage auch gern deine Briefe zu den Gemeinden.“
„Das weiß ich, Titus“, sagt Paulus. „Und ich lasse mir gern helfen. Von dir. Und von unserem Herrn. Weißt du, mir geht da die ganze Zeit ein Satz durch den Kopf: ‚Du brauchst nicht mehr als meine Gnade. Denn meine Kraft kommt gerade in der Schwäche voll zur Geltung.’“
„Ja“, sagt Titus, „ja, das haben schon die Alten gesagt: Gott ist bei den Schwachen.“
„Ja, das auch“, antwortet Paulus, „aber ich meine noch etwas anderes. Unser Herr kann mir seine Kraft nur schenken, wenn ich selber keine Kraft habe. Solange ich selber Kraft habe, verlasse ich mich auf mich selber. Wenn ich aber keine Kraft habe, dann hat der Herr Raum, mit seiner Kraft in mir und durch mich zu wirken.“
„Das soll einer verstehen“, sagt Titus.
„Ja, das ist nicht zu verstehen, das ist das Wunder der Gnade“, entgegnet Paulus. „Gerade wenn ich schwach bin, bin ich stark. Denn wenn ich stark bin, rechne ich nicht mit dem Herrn – und also bin ich schwach, weil ich auf mich selber schaue. Bin ich aber schwach, öffne ich mich dem Herrn – und also bin ich stark, weil er dann in mir wirkt. Das ist gegen alle Erwartung, aber es ist meine Erfahrung und mein Glaube.“
Titus schaut Paulus an, dann sieht er in die Ferne. Nach einem kurzen Zögern hebt er den Arm und zeigt auf den Horizont.
„Sieh doch, Paulus“, sagt er, „da sind die ersten Häuser. Wir haben es gleich geschafft.“
„Wir nicht“, sagt Paulus, „wir nicht. Der Herr hat es für uns geschafft. Seine Kraft ist in uns Schwachen mächtig.“ Über sein Gesicht huscht ein erleichtertes Lächeln.

Paulus im Schatten des Olivenhains: Er sieht auf sein Leben wie auf ein Gemälde.
Er sieht die himmlischen Szenen. Der Augenblick, in dem er nicht von dieser Welt ist. Blaue, gelbe, grüne Farbtöne. Formen, die ineinanderfließen.
Er sieht die erdenschweren Szenen. Menschen, die ihn anfeinden. Gefahren, die nach ihm greifen. Scharfe Formen, rote, orange, braune Farbtöne.
Er sieht auf sein Leben wie auf ein Gemälde. Und er kennt den einen Satz, der ihm das Gemälde und sein Leben auslegt:
„Du brauchst nicht mehr als meine Gnade. Denn meine Kraft kommt gerade in der Schwäche voll zur Geltung.“
Und er sucht in dem Gemälde, das ihm sein Leben zeigt, nach den Spuren dieser Kraft. Er sucht nach der Gnade – und er findet sie.
Ganz offenbar in den himmlischen Szenen – und versteckt auch in den erdenschweren Szenen. Was er erst nicht zusammenbrachte, zeigt sich ihm nun. Alle Formen, alle Farben zeigen die Gnade, auf die ihn das Wort hinweist.

Wie ist es, wenn ich vor meinem Leben stehe wie vor einem Gemälde?
Ich schaue es an und sehe anderes als Paulus. Aber hier und da sind es doch ähnliche Farben und Formen. Die Bilder berühren sich.
Ich sehe manches, an dem ich getragen habe und immer noch trage, was Kraft kostet. Rote, orange, braune Farbtöne, scharfe Formen.
Ich sehe anderes, das mich Lächeln machte und immer noch ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, was Kraft gibt. Formen, die ineinander fließen. Blaue, gelbe, grüne Farbtöne.
Ich versuche es mit den Augen zu sehen, mit denen Paulus auf sein Leben schaut. Ich suche nach der Gnade in dem Gemälde.
Ich schaue anders auf das, was ich erlebt habe, wenn ich es so tue. Wenn ich in dem, was ich erlebt habe, nach den Farben und Formen suche, in denen sich die Kraft Gottes zeigt.
Also schaue ich auf mein Leben. Und ich versuche es neu zu deuten. Bei manchen Szenen werde ich sofort sagen: „Ja, da kann ich Gott sehen und erkennen.“
Bei anderen werde ich erst einmal sagen: „Da kann ich ihn nicht entdecken, da fehlt er.“ Aber ich schaue noch einmal hin und noch einmal.
Bis ich ihn in allen Farben und Formen, die mein Leben malen, entdecke und erkenne. Bis das Gemälde, dem mein Leben gleicht, mir zeigt, was mich Kraft kostet oder mir Kraft gibt.
Und bis es mir zeigt, wie Gott kräftig gewesen ist in mir. Wie er da ist, wo ich denke, dass mich alle Kraft verlässt. Und wie er da ist, wo ich meine, vor Kraft nur so zu strotzen.
So schaue ich hin und entdecke nach einer Weile in allem Gottes Gnade.


Zwillinge
Sonntag Septuagesimae -- Philipp Busch

Paul hatte es gut getroffen.  
Schon von Kindheit an. In der Schule war er immer etwas schneller als die anderen. Das Lernen fiel ihm leicht.
Was ihm einmal erklärt wurde, verstand er, und was er einmal gehört oder gelesen hatte, konnte er sich merken.
Das blieb auch im Studium so. Ingenieur für Luftfahrttechnik studierte er. Und nebenher – weil ihm das eine Fach zu einseitig schien – schrieb er sich auch für Philosophie ein.
Schon beim ersten Praktikum in diesem mittelständischen Familienunternehmen wurden sie auf ihn aufmerksam: Da war einer, der schnell verstand. Der Lösungen suchte, wo andere noch nicht einmal das Problem gesehen hatten.
Und obwohl es nur ein Praktikum war, kam er immer als einer der ersten und blieb, bis sie die Firma abschlossen.
Keine Überraschung für ihn, dass der Seniorchef ihn umwarb, als sein Studium auf das Ende zuging. Nur der Jahresverdienst, den sie ihm anboten, erstaunte ihn: Er übertraf seine Erwartungen bei weitem.
Aber er wehrte sich nicht dagegen. Warum auch? Er leistete einiges, was andere nicht leisten konnte; und konnte sich dafür einiges leisten, was andere sich nicht leisten konnten.
Die Wohnung, die eigentlich zu groß war für ihn allein und die paar Möbel, die er hineinstellte. Und das Auto, das eigentlich zu groß war für die Parklücken in der Stadt.
Aber es machte Spaß, es zu fahren, wenn er am Wochenende an die Nordsee aufbrach. Oder auch nur zum Flughafen fuhr, um für zwei Tage nach New York zu jetten.
Paul hatte es gut getroffen, Das Leben hatte es gut mit ihm gemeint. Und er hatte etwas daraus gemacht.

Jeremia sagt:
So spricht der HERR: Wer weise ist, rühme sich nicht seiner Weisheit, und der Starke rühme sich nicht seiner Stärke, wer reich ist, rühme sich nicht seines Reichtums.
(Jeremia 9,22 – Zürcher Bibel)

Eines Abends traf Paul auf Claas. Nahezu wortwörtlich tat er das: Er stolperte über ihn.
Das war, als Paul aus dem Theater kam und durch die Unterführung zur U-Bahn ging, die er ausnahmsweise nehmen wollte, weil die Theaterkarte auch als Nahverkehrsticket galt.
Er fing an zu laufen, als er den Luftzug der einfahrenden Bahn spürte, und bog laufend um einen Pfeiler. Da lag Claas in seinem Schlafsack und mit seinen Taschen – und Paul stürzte über ihn.
Er fluchte und rieb sich das Knie und stand auf und starrte wütend auf den anderen herab und – erstarrte: Es war ihm, als schaute er in einen Spiegel.
Dieser … dieser Penner sah aus wie er – nur in ungepflegt. Doch, es war, als hätte ihm einer einen Spiegel vorgehalten, der sein Gesicht grotesk verzog. Und doch: Es war sein Gesicht.
Das dachte sich auch Claas, der genauso erstarrte. Der über ihn gestolpert war, sah aus, wie er ausgesehen hätte, wenn das Leben anders zu ihm gewesen wäre.  
Er schaute in das Gesicht des anderen und sah einen Zwilling von sich selber in gepflegt und reich.
So hatten sie sich getroffen, Paul und Claas. Der eine rieb sich das Knie, der andere den Oberschenkel.
Und Claas sagte vorwurfsvoll: „Ey, Mann!“, und Paul stöhnte: „Ah!“, während sie sich weiter anstarrten. Später wusste keiner der beiden zu sagen, wer dem anderen zuerst die Hand reichte.
„Ich bin Claas!“ – „Ich bin Paul!“ Und Claas hielt Paul eine Bierdose hin und sagte: „Prost!“ und Paul nahm die Dose und ließ sich neben Claas auf den Boden fallen und sagte: „Danke!“
Als das Bier alle war, nahm Claas die Einladung an und kam mit in Pauls Wohnung. Einmal warm duschen und ruhig  schlafen in einem Bett, das fast zu weich war.
Paul ließ ihn schlafen, als er am nächsten Morgen zur Arbeit fuhr. Claas war noch da, als Paul am Abend wiederkam.
Sie saßen bis spät in die Nacht zusammen und Paul hörte zu, wie Claas erzählte.
Von der Mutter, die besser keine Kinder bekommen hätte. Aber da er nun mal da war, störte er. Was sie ihn spüren ließ. Im besten Fall durch Nichtbeachtung, im schlimmsten Fall durch Schläge.
Auch die Lehrer konnten mit dem Kind nichts anfangen, das nicht lernen wollte. Es prügelte seine Wut und seine Verzweiflung auf die Mitschüler nieder.
Als Claas einen der Lehrer angriff, flog er von der Schule und bei seiner Mutter raus. Er kam ins Heim und floh immer wieder auf die Straße und in die Parks.
Dort träumte er sich mit Alkohol und Drogen in eine Leben, das vielleicht so aussah wie das von Paul.
Aber wenn er so da lag auf seiner Matte in der U-Bahn und sie ihn dort liegen ließen und er dann all die Menschen sah, die mit teuren Anzügen und leeren Gesichtern an ihm vorbeiliefen – oder über ihn stolperten –, dann, ja, dann war er manchmal, nein, nicht glücklich, aber doch einverstanden mit dem Spiel, das das Leben mit ihm spielte.
Ausgesucht hätte er es sich nicht, wenn er je eine Wahl gehabt hätte. Aber da ihn das Leben nun mal so gefunden hätte, musste er es leben.
Irgendwann, als er sich die erste Kornflasche eines langen Tages aufmachte, hatte er das verstanden. Und dann die Flasche wieder zugeschraubt.  
Er war an jenem Abend das erste Mal seit langem wieder nüchtern eingeschlafen. Und die Welt und das Leben hatten Farbe gewonnen.
So hatte es Claas getroffen.

Und Jeremia sagt:  
So spricht der HERR: Wer weise ist, rühme sich nicht seiner Weisheit, und der Starke rühme sich nicht seiner Stärke, wer reich ist, rühme sich nicht seines Reichtums.
Sondern dessen rühme sich, wer sich rühmt: einsichtig zu sein und mich zu erkennen, dass ich, der HERR, es bin, der Gnade, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden, denn daran habe ich Gefallen.
(Jeremia 9,22-23 – Zürcher Bibel)

Seit Paul und Claas sich in der U-Bahn begegnet sind und auf dem Sofa ihre Geschichten erzählt haben, sind ein paar Monate vergangen.
Claas hat nicht wieder in der U-Bahn und auch an keinem anderen Ort draußen übernachtet. Er wohnt immer noch bei Paul. Platz genug ist dort ja. Und auch an das weiche Bett hat er sich inzwischen gewöhnt.
Aber Claas ist noch oft unterwegs in den Unterführungen und in den Parks. Er kennt ja die einschlägigen Plätze und sucht sie auf.
Decken hat er dann mit und Schlafsäcke und eine Thermoskanne und auch ein paar Äpfel. Und immer nimmt er auch Zeit mit, viel Zeit.
Er setzt sich hin zu den alten Kumpels und zu denen, die neu sind auf der Platte. Er hört ihre Geschichten und er sieht ihre Probleme.
Manchmal hat er Lösungen. Einen Termin bei einem Arzt etwa,  wegen der Wunde, die nicht verheilen will.
Die Rechnung übernimmt eine Stiftung. Paul hat sie eingerichtet. Aus seinem Vermögen und dem, was er bei Freunden und Geschäftspartnern eingeworben hat. Steuerlich absetzbar.
Selten kommt auch Paul mit in die U-Bahn oder den Park. Dann sagen sie dort: Schaut mal, die Zwillingen kommen.
Aber sie merken es schnell und auch Paul weiß es: Nur einer von ihnen beiden gehört dorthin. Und er staunt, wie Claas mit zwei Worten das Vertrauen gewinnt.
Auch Claas geht manchmal mit Paul mit, wenn der das Theater besucht. Die Leute sehen sie an und lächeln, wie man es tut, wenn man Zwillinge sieht.
Und Claas sieht in ihre Gesichter, aber sie bleiben für ihn grau, sie sprechen nicht. Und er staunt, wie Paul leicht und fröhlich mit den Graugesichtern spricht.

So teilen sie miteinander das Leben. Sie kennen das Leben des anderen, dennoch bleibt es ihnen fremd.
Ihre Leben berühren sich und bleiben doch getrennt. Ihre Leben unterscheiden sich und gehören doch zusammen, so wie Zwillinge zusammengehören und sich unterscheiden.
Als wären ihre unterschiedlichen Leben in derselben Mutter gewachsen und vom selben Vater gezeugt – und doch zwei ganz eigene Leben geworden.

Und Jeremia sagt:
Dessen rühme sich, wer sich rühmt: einsichtig zu sein und mich zu erkennen, dass ich, der HERR, es bin, der Gnade, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden, denn daran habe ich Gefallen. Spruch des HERRN.  
(Jeremia 9,23 – Zürcher Bibel)

Ein Geheimnis bleibt ein Geheimnis
2. Sonntag nach Epiphanias -- Philipp Busch

Ich verrate jetzt ein Geheimnis: Diese Schachtel ist ein Geheimnis.
Ein Geheimnis? Ja, ein Geheimnis. Diese Schachtel aus Tonkarton, irgendwann einmal gebastelt.
Nicht das, was drin ist in der Schachtel, ist das Geheimnis. Da ist nämlich nichts drin. Und es gibt auch keinen doppelten Boden oder einen anderen Trick.
Die Schachtel selber ist das Geheimnis. Nicht, weil ich etwas über diese Schachtel weiß, das ihr nicht wisst. Sie ist für mich genauso ein Geheimnis, wie sie es für euch ist.
Diese Schachtel ist ein Geheimnis. Sie zeigt, was ein Geheimnis ist. Etwas, das da ist, vor aller Augen. Und doch verborgen bleibt, so dass keiner es erfasst.
Etwas, das auch noch ein Geheimnis bleibt, wenn ich um es weiß. Auch wenn ich es offen vor die Augen halte, bleibt es verborgen. Das ist ein Geheimnis.

Paulus schreibt an seine Gemeinde in Korinth:

Brüder und Schwestern,
ich bin damals zu euch gekommen,
um euch das Geheimnis Gottes zu verkünden.
Ich bin aber nicht mit großartigen Worten
oder mit Weisheit aufgetreten.
Denn ich hatte beschlossen,
bei euch von nichts anderem etwas wissen zu wollen
als von Jesus Christus –
und besonders davon,
dass er gekreuzigt wurde.
Ich trat mit einem Gefühl der Schwäche
und zitternd vor Angst bei euch auf.
Ich setzte bei meiner Rede und meiner Verkündigung
nicht auf die Weisheit
und ihre Fähigkeit zu überzeugen.
Ihre Wirkung verdankte sich vielmehr
dem Heiligen Geist und der Kraft Gottes.
Denn euer Glaube
sollte nicht aus menschlicher Weisheit kommen,
sondern aus der Kraft Gottes.
(1. Korinther-Brief 2,1-5 -- Basisbibel)

Jesus Christus ist ein Geheimnis. Er ist das Geheimnis Gottes.
Empfangen aus dem heiligen Geist, so wie es der Engel im Traum zu Josef sagt, als der merkt, dass seine Maria mit etwas schwanger geht, das nicht von ihm ist.
Geboren von eben dieser Jungfrau Maria, die sich über das wundert, was mit ihr geschieht – und einfach so, wohl zur halben Nacht, Gottes Sohn zur Welt bringt.
Gelitten unter Pontius Pilatus, wie die Geschichten erzählen, die wir bald schon wieder erzählen werden, von Aschermittwoch bis Karfreitag.
Gekreuzigt, gestorben und begraben, vor allem: gekreuzigt, wie Paulus an seine Gemeinde in Korinth schreibt.
Paulus schreibt, um sie an das Geheimnis zu erinnern. Und daran, wie er es zu ihnen brachte. Er stellte es damals mit zitternden Händen und weichen Knien in ihre Mitte: Eine Schachtel, die leer war und randvoll gefüllt – ein Geheimnis.
Er wusste nicht viel mehr über das Geheimnis als die, denen er es brachte. Auch für ihn war es ein Geheimnis, das Geheimnis Gottes.
Und ihm fehlten die Worte, dieses Geheimnis aufzuschließen. Vielleicht erfasste er es nicht einmal für sich selber. Bestimmt aber konnte er es den anderen nicht begreifbar machen.
Wie auch? Ein Geheimnis ist keine mathematische Formel, die sich auflösen lässt. In Schritten, die ich erst selber nachvollziehen und anschließend mit anderen gehen kann.
Ein Geheimnis entschlüsselt sich nur selbst. Denen, die es erkennen.
Darum bleibt es auch ein Geheimnis, selbst wenn es sich dir einmal aufgeschlossen hat.
Anderen bleibt es weiter verschlossen. Sie sehen nicht einmal das Geheimnis. Wo du eines siehst, sehen andere nur – eine Schachtel. Nichts Besonderes, Geheimnisvolles jedenfalls.
So ist das mit dem Geheimnis Gottes, mit Jesus Christus: Nichts kann es dir aufschließen. Keine schönen Worte, keine klugen Predigten.
Das Geheimnis entschlüsselt sich selber. Nur Gott, die Kraft des Heiligen Geistes, der selber das Geheimnis ist, schließt es dir von innen auf.

Paulus schreibt:

Und doch verkünden wir eine Weisheit –
und zwar denen, die dafür reif sind.
Es ist eine Weisheit,
die nicht aus unserer Zeit stammt.
Sie kommt auch nicht von den Herrschern unserer Zeit,
die ja zum Untergang bestimmt sind.
Nein, wir verkünden die geheimnisvolle Weisheit Gottes,
die bis jetzt verborgen war:
Schon vor aller Zeit hatte Gott bestimmt,
uns Anteil an seiner Herrlichkeit zu geben.
Das ist es,
was keiner von den Herrschern unserer Zeit erkannt hat.
Denn hätten sie es erkannt,
dann hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.
In der Heiligen Schrift heißt es dazu:
»Was kein Auge gesehen
und kein Ohr gehört hat,
was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist –
all das hält Gott für die bereit,
die ihn lieben.«
Ja, uns hat Gott dieses Geheimnis
durch den Heiligen Geist enthüllt.
Denn der Heilige Geist erforscht alles,
selbst die geheimsten Absichten Gottes.
(1. Korinther-Brief 2,6-10 -- Basisbibel)

Nichts kann das Geheimnis aufschließen. Außer das Geheimnis selber, außer Gott. Und er schließt es auf.
Paulus hat es gesehen und gehört und erkannt. Wenn er könnte, würde er anderen die Augen und Ohren und Herzen öffnen, damit sie auch sehen und hören und erkennen.
Er kann es nicht. Das kann nur der Heilige Geist. Aber Paulus kann sagen, was er gesehen, gehört, erkannt hat: Gottes Herrlichkeit.
Sie ist das Geheimnis: Gottes Herrlichkeit. Und die Geschichte von Christus zeigt es.
Das Geheimnis liegt in der Krippe. Ein gerade eben geborenes Kind. Klein und zart. Und doch ein ganzer Mensch. Voller Leben. Voller Willen.
Eben noch nicht da und jetzt schon der Mittelpunkt von allem. Es kommt und ist da und verändert ein ganzes Leben und macht aus der Welt eine andere.
So wie ein Kind in die Welt kommt, so kommt Gott in die Welt. In dem Kind, das damals im Stall geboren wird. In jedem Kind, das heute geboren wird.
Das Geheimnis, das das Leben zeigt. Denen, denen es sich aufschließt: Gott ist da, im Leben.

Das Geheimnis hängt auch am Kreuz. Von aller Kraft und allen Menschen verlassen. Einsam und gescheitert. Verletzt und geschunden.
Eben noch mittendrin und voller Leben. Jetzt schon tot und kalt die Hand, die du berührst.
Auch das ein Geheimnis, das Gottes Herrlichkeit zeigt. Noch schwerer zu greifen, noch verborgener als verborgen.
Gott zeigt sich in dem, der damals am Kreuz hingerichtet wird. So zeigt sich Gott in jedem Tod, den ein Mensch stirbt.
Das Geheimnis, das der Tod zeigt, dem, dem es sich aufschließt: Gott ist auch da, im Tod

Dass Gott da ist, ist ein Geheimnis, bleibt ein Geheimnis.
Paulus trägt es im Herzen und auf der Zunge. Immer wieder muss er es anschauen und wird nicht fertig damit.
So wie du immer wieder ein kleines Kind anschaust und nicht fertig wirst damit, weil es so lebensschön ist.
Und immer wieder muss Paulus nachdenken über das Geheimnis und neue Worte finden, um es zu erfassen.
So wie sich der Tod mit seinen Bildern immer wieder in deine Gedanken schleicht und nach neuen Worten verlangt, die ihn ergreifen.
Gott ist ein Geheimnis, bleibt ein Geheimnis. Weil Leben und Tod ein Geheimnis sind und bleiben.
Sie gehen uns unbedingt an und bewegen uns – sie sind das Geheimnis, das Gott uns zeigt. Sie sind das Geheimnis, in dem Gott sich zeigt.
Mal verborgen, mal offen. Mal klar, mal rätselhaft. Immer wieder neu und wie zum ersten Mal.

Unterm Ginster auf der Schwelle
Altjahresabend -- Kirsten Hoffmann-Busch & Philipp Busch

Johann Friedrich Overbeck, Der Engel weckt Elias

Unter dem Ginster lag ich und schlief. Ich schlief einen unruhigen Schlaf. Hin und her warf mich, was ich im Schlaf erinnerte: Elija, das war dein Jahr.
Im Schlaf holte mich ein, wovor ich gern weggelaufen wäre. Mich holte ein, was aus den Tagen und Wochen und Monaten zuvor auf mir lastete.
Angst war es, die wieder nach mir griff. Angst um mein Leben. Angst, dass ich nicht schaffen würde, was ich schaffen musste.
Dazwischen mischten sich andere Bilder. Ein Tag im Sonnenschein, der mich jubeln ließ. Das Glück, das in mir pochte, als mich einer anschaute.
Im Traum lächelte ich darüber und weinte zugleich – so flüchtig waren diese Augenblicke und ohne Wiederkehr.
Und ich träumte von dem, was mich immer noch fesselte, obwohl es doch vorbei war: Als ich eine verletzt hatte, mit dem, was ich sagte, im Eifer, ohne Absicht – aber auch ohne Möglichkeit, es zurückzuholen.
Und als ich meine Hand zurückzog, nach der sich einer ausstreckte. Ich war ihm etwas schuldig geblieben – und konnte es ihm nun nicht mehr geben.
Unter dem Ginster lag ich und schlief. Und wusste, dass ich am morgen genauso müde aufwachen würde, wie ich mich am Abend hingelegt hatte.

Zwischen den Jahren sind wir. Auf der Schwelle vom Alten zum Neuen. Als wären wir auf einer Insel – im Meer aus Zeit.
Es ist eine Zeit, die frei ist vom Alltag. Du bist fernab von dem, was sonst deine Tage bestimmt.
Und doch: Hier und da holt dich der abgelegte Alltag ein. Das, was du erlebt hast, schleicht sich ein.
Es taucht mit den Jahresrückblicken in all den Medien auf: Wie sieht eigentlich mein eigener Blick zurück aus? Während all das Große in der weiten Welt geschah: Was ist da in meiner eigenen Welt geschehen?
Auch ohne Sterne und Steine in meiner Hand kommt das Erlebte noch einmal zurück als Erinnerung.
Das Schwere legt sich noch einmal quer. Ich dachte schon, ich hätte es hinter mir gelassen. Aber es ist noch da und lastet auf dem Gedächtnis.
Auch das Funkelnde strahlt noch einmal auf. Ein Lächeln ruft es in mein Gesicht – vielleicht ein wehmütiges: Wenn es doch immer so schön sein könnte.
Was gewesen ist – ich nehme es mit über die Jahresschwelle. Es ist auch morgen noch da. Ich bin es ja auch.

Unter dem Ginster lag ich und schlief. Da berührte mich ein Engel. „Elija“, sagte er zu mir, „steh auf und iss! Ich schenke dir ein neues Herz und lege einen neuen Geist in dich.“
Ich nahm von dem Brot. Warm war es noch und knusprig. Langsam kaute und genoss ich. Wie einer, der zum ersten Mal isst, was seine Lieblingsspeise werden soll.
Dann legte ich mich wieder hin und schlief wieder ein und träumte wieder. Ich träumte einen ruhigen Traum.
Ich sah das Schwere, das ich hinter mir gelassen hatte, ohne es zu überwinden. Es verwandelte sich. Es begann zu glänzen. Wie ein Stein, der seine Muster zeigt, wenn er nass wird. Der funkelt, wenn ich ihn feucht in die Sonne halte.
Es war im Traum, als fiele Gottes Licht auf das, was mir nicht gefiel. Es umstrahlte auch das, bei dem ich wusste: Da hatte ich mich selber verfehlt und das, was ich tun sollte. Und es strahlte auch dort, wo ich dachte, dass Gott gefehlt hätte.
Ich träumte und ich sah auch noch einmal das Schöne. Mein Herz sprang vor Freude. Ich wusste: Was war, das bleibt. Es bleibt mir. Weil es Gott bleibt.
Ein Schatz, der blitzt und leuchtet. Ich kann die Erinnerung betreten wie eine Schatzkammer. So oft ich mich auch hinein begebe: Immer wieder finde ich etwas, über das ich staune.
Unter dem Ginster lag ich und schlief. Und ganz ruhig wurde mein Atem und es schlug Dank in mir, Dank für das Leben, Dank an Gott.

Was gewesen ist – wir nehmen es mit über die Jahresschwelle. Ich bin ja morgen auch immer noch derselbe wie heute. Und auch morgen ist immer noch geschehen, was geschehen ist. Und vergangen, was vergangen ist.
Aber du kannst es ändern. Die Dinge ändern sich, wenn du sie anschaust. Du änderst dich, wenn du das, was war, wieder anschaust.
Tu es mit dem neuen Herz und dem neuen Geist, die Gott dir schenkt und in dich legt. Schau mit einem von Gott geliehenen Blick auf das, was war.
Ich versuche es und sehe mit Freude, was leuchtet. Es beginnt noch mehr zu strahlen, als es das ohnehin schon tut.
So sieht also Erfüllung aus. So hat Gott sich das Leben gedacht, als er es sich für all seine Menschen und also auch dich ausdachte.
Die Wehmut verblasst, dass etwas Schönes vorüber ist. Die Freude darüber färbt ab. Ich entdecke ihre Farben in allem anderen, was ich erlebe. Und wenn es nur kleine Tupfer sind.
Ich teile mit Gott, was meine Tage schwer macht. Was mir immer wieder auf die Füße fällt – ich sammele es auf und bringe es Gott. Und er räumt es für mich aus dem Weg.
Die Steine sind immer noch da. Sie liegen jetzt an der Seite. Aufgetürmt wie Wegmarken im Gebirge. Damit ich den Weg finde, der mich ins Leben führt, wie Gott es sich denkt.
Wie gut, dass gewesen ist, was war. Jetzt ist es Licht und Zeichen für den Weg, den ich gehen werde.

Unter dem Ginster lag ich und schlief. Und der Engel kam und weckte mich ein zweites Mal.
Elija!“, sagte er zu mir, „steh auf und iss! Du hast einen weiten Weg vor dir.“
Da stand ein Krug mit Wasser vor mir. „Ich will dir geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst“, sagte der Engel. Ich nahm den Krug und trank einen langen, frischen Schluck daraus. Er stillte meinen Durst.
Was mich durchströmte, war Wärme. Wie ein Blick sie auslöst, der auf mir liegt – von jemandem, der mich kennt und dem ich vertraue, dass er es gut mit mir meint.
Ich kann es seinen Augen ablesen und seinem Gesicht: „Gut, dass du da bist. Ausgerechnet du.“ Ich kann es sehen und verstehen – auch wenn ich es nicht begreife.
Nach diesem Blick schmeckte das Wasser. Und nach Vorfreude auf den nächsten Tag. Ich schmeckte: Die Kraft  reicht für das, was kommt.
Was es sein wird, wusste ich nicht. Aber ich fürchtete es auch nicht. Was es auch ist, dem ich entgegen gehe – es wird sich für mich in Segen verwandeln.
Das Schöne wird leuchten. Im Schweren bin ich getragen. Die Quelle wird für mich sprudeln.
Auch darauf vertraute ich, als ich mich aufmachte in die Wüste, die vor mir lag. Irgendwo in ihr oder an ihrem Ende wird neues Wasser auf mich warten.
Also stand ich auf und ging.

Wie gut, dass gewesen ist, was war. Und wie gut, dass kommt, was kommt.
Ein langer Weg liegt vor jedem von uns. Vielleicht wird es eine Wüstenwanderung. Vielleicht ein Gang durch blühende Landschaften.
Aber am Rand des Weges sprudelt immer eine Quelle. Klares, frisches Wasser, das den Durst stillt. Und das umsonst.
Vielleicht ist es das, was du erhoffst: Segen für dein Tun. Als Versprechen, dass gut wird, was kommt.
Ich weiß: Ich kann wohl hoffen, dass nur Gutes auf mich zukommt. Erlebnisse, die mir gefallen. Aber: Es kommen auch  Erlebnisse, auf die ich nicht hoffe und die mir nicht gefallen.
Dann brauche ich erst recht einen Schluck aus der Quelle. Frisches Wasser, das die Durststrecke beendet.
Segen heißt nicht: Du bekommst nur Gutes. Segen heißt: Auch das Schlechte wird gut. Dafür bekommst du aus der Quelle.
Du bekommst es umsonst. Das unterscheidet diese Quelle von anderen.
Ich brauche es nicht zu bezahlen. Ich kann es mir aber auch nicht verdienen.
Was du von Gott bekommst, das bekommst du einfach so. Und kannst du nur einfach so bekommen. Als Geschenk.
So wie die Tage und die Zeit auf uns zukommen. Ohne dass wir dafür etwas tun können oder tun müssen.
So kommt auch der Segen von Gott auf dich zu. Umsonst. Und da du ihn hast – sei es auch nur ein kleiner Schluck: Steh auf und geh.


Nun soll es werden Friede auf Erden
Erster Weihnachtstag -- Philipp Busch

Nun soll es werden Friede auf Erden!  Mahmud Abbas und Benjamin Netanjahu feiern auf dem Tempelberg gemeinsam Gottesdienst. Und Paula und Peter Hansen und treffen sich bei Knudsen am Kühlregal und reden miteinander bis Ladenschluss.  Nun soll es werden Friede auf Erden! Wer vom Frieden singt, singt immer auch vom Krieg. Paula und Peter streiten sich schon seit Jahren um das Erbe der Eltern. Und Palästinenser und Israeliten kämpfen noch viel länger um Jerusalem.  Als wären Krieg und Frieden die zwei Seiten derselben Medaille. Immer wieder nehmen wir sie in die Hand und werfen sie hoch und setzen auf Frieden.    Dann fällt die Münze und kreiselt noch ein wenig auf dem Boden – schließlich bleibt der Krieg obenauf. Paula und Peter reden lieber schlecht übereinander statt nur einmal miteinander. Abbas und Netanjahu geben sich nach wie vor unversöhnlich.  Aus dem Jubel der Engel wird eine Klage: Nun soll es werden Friede auf Erden! 

Zur Zeit Jesu gaben sie sich sicher:
Dieser Geburtstag hat der Welt ein anderes Gesicht gegeben. Sie wäre dem Untergang verfallen, wenn nicht in dem heute Geborenen für alle Menschen ein gemeinsames Heil aufgestrahlt wäre.
Er ist uns und den kommenden Geschlechtern als Heiland gesandt. Jedem Krieg wird er ein Ende machen und alles herrlich ausgestalten. In seiner Erscheinung sind die Hoffnungen der Vorfahren erfüllt.
Mit diesen Worten meinten sie – genau: Augustus, den römischen Kaiser und Weltenherrscher. Der hat tatsächlich Frieden geschaffen – seinen Frieden, die Pax Augusta.  Dieser Friede hatte seinen Preis: Ihn konnte nur genießen, wer zum römischen Reich gehörte. Wehe aber den kleinen Nachbarstaaten, die gefressen wurden. Und Frieden gab es nur für die, die bereit waren, sich Augustus zu unterwerfen. Wehe denen, die lieber an den demokratischen Spielregeln der Republik festhalten wollten, die Augustus abschaffte. Ob das Frieden war? Ist Frieden, wenn einer die Regeln des Friedens vorschreibt und sich alle daran halten, weil sie unterlegen sind? Ist Frieden, wenn er für einige gilt, andere aber von ihm wortwörtlich ausgegrenzt werden?

   Zur Zeit Jesu und danach gehörten die Juden und mit ihnen auch die Christen zu denen, die vom Frieden der römischen Kaiser unterworfen und ausgegrenzt wurden.  Sie teilten einen gemeinsamen Traum:   

Gott sagt:
Und du, Bethlehem, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.
Er wird auftreten und sie weiden in der Kraft des HERRN und in der Hoheit des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden bis an die Enden der Erde.
Und er wird der Friede sein.

(Micha 5,1.3-4a)

Von Micha ist dieser Traum aufgeschrieben und überliefert worden. Sechshundert, vielleicht siebenhundert Jahre, bevor Jesus geboren wurde.  
Micha hat dabei sicher nicht an Jesus gedacht. Das taten erst die, die Jesus erlebten und von ihm erzählten, und die, die von ihm hörten und weiter erzählten.  
Sie schrieben in die alten Worte von Micha Jesus Christus hinein: Er kommt doch in Bethlehem zur Welt, wegen dieser Volkszählung. Er stammt aus Urzeiten, wie das Wort, das am Anfang war. Er weidet die Menschen in der Kraft des Herrn, wie es der gute Hirte tut. 

   Und er ist der Friede! Die Hirten finden ihn, als der Engel sie zum Stall schickt. Und die Weisen finden ihn, als der Stern sie nach Bethlehem führt.
Es ist ein merkwürdiger Friede. Er verwirrt die Weisen. In ihrer Weisheit suchen sie den Frieden erst bei den Mächtigen. Und er erschrickt mit seinem Licht die Hirten. Sie haben sich in ihrem Leben im Abseits der Nacht eingerichtet.  
Aber der Friede ist da, im Stall, unter dem Stern. Er ist mit Händen zu greifen wie das Kind, das Hirten und Weise treffen.  
Die Weisen finden, was sie nicht gesucht haben: Gott, den Herrn der Welt, in einem Kind weitab von den Palästen der Macht, klein, verletzlich, ohnmächtig.  Die Hirten werden gefunden, von Gott, der in dem Kind zu ihnen kommt, den Unterworfenen, Ohnmächtigen.  
Beide, Hirten und Weise, finden den Frieden. Einen merkwürdigen Frieden. Am Lauf der Welt ändert er gar nichts. Trotz Engel und trotz Stern: Die Welt bleibt, wie sie ist.  
Die Hirten müssen vom Stall wieder zurück zu ihren Herden. Die Wölfe bedrohen weiter die Schafe. Die Weisen ziehen zurück ins Morgenland. Das Morden an den Kindern verhindern sie nicht.  
Die Welt bleibt, wie sie ist: ein Ort des Krieges. Und doch: Nun soll es werden Friede auf Erden.

   Gott macht den ersten Schritt und kommt zur Welt. Er macht seinen Frieden mit ihr – Frieden auf seine Weise.  
Menschen haben Krieg und Leid oft als Strafe Gottes verstanden. Als würde Gott so seinen Willen diktieren.    Aber was wäre das für ein Gott, der seine Menschen in den Krieg und ins Leid schickte? Ein grausamer Kriegsherr vielleicht, aber bestimmt kein Gott der Liebe.  
Krieg darf nach Gottes willen nicht sein. Auch das Leid ist nicht nach Gottes willen. Dennoch ist beides da. Und Gott macht Frieden mit dem Krieg und dem Leid.  
Er kommt zur Welt und nimmt Krieg und Leid auf sich, einfach so, wie ein neu geborenes Kind. Ohne sich zu wehren, ohne sich wehren zu können, trägt er, was Menschen auszuhalten haben. Indem er einer von ihnen wird.  
Frieden wird erst, wenn alle Menschen verlernt haben, Krieg zu führen. Gott fängt damit an. Er hebt die Hände wie ein Kind, das in den Arm genommen werden will.  Mehr noch: Er tut, was jedes Kind erst einmal tut. Er liebt die, auf die er angewiesen ist. Er liebt die Menschen, denen er sich anvertraut. Und duldet alles, was sie ihm antun.  
Gott legt seinen Frieden leise in die Krippe – und hofft, dass er wächst, und wartet, dass Menschen ihn aufnehmen.  Nun soll es werden Friede auf Erden! 

   Wer vom Frieden singt, singt immer auch vom Krieg. Weil Frieden werden soll, aber Krieg ist.    Es gilt aber genau so: Wer vom Krieg singt, singt immer auch vom Frieden. Weil Krieg ist, aber Frieden werden soll.  
Die Hirten kehren zurück aus dem Stall zu ihren Schafen. Sie müssen sie weiter des Nachts gegen die Wölfe hüten. Sie tun es mit einem Lied auf den Lippen. Sie singen von der Zeit, in der die Lämmer bei den Wölfen liegen werden.
Die Weisen ziehen zurück von Bethlehem ins Morgenland. Sie wissen, dass viele Kinder unschuldig sterben sollen. Sie tun es dennoch mit einem Lied auf den Lippen. Sie singen davon, wie Gott die Kinder segnet, alle zusammen und jedes einzeln.  
Die Hirten und die Weisen singen das Lied vom Frieden. Sie singen das Lied, das die Engel angestimmt haben und das sie selber gesungen haben, als sie bei dem Kind waren. Seitdem tragen sie es immer weiter in sich und in die Welt hinein.  
Dieses Lied ist leise. Leiser als das Heulen der Wölfe jedenfalls und das Schreien der Soldaten von Herodes. Aber es ist beharrlich.  Das Friedenslied klingt weiter und weiter. Es weht von weit her durch die Zeiten. Bis heran zu Mahmud Abbas und Benjamin Netanjahu. Und auch bis zu Paula und Peter Hansen.  
Die Kriegsleute müssen irgendwann ihr Geschrei unterbrechen, weil ihnen die Puste ausgeht. Dann hören sie das Friedenslied.    Sie werden nicht gleich einstimmen. Aber das Lied setzt sich in ihnen fest. Und eines Tages werden auch sie es singen – das Lied der Engel: Nun soll es werden Friede auf Erden!

Wo das Licht scheint
Christvesper an Heiligabend -- Philipp Busch

Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! (Jesaja 60,1.)

Ein Junge erlebt das erste Mal mit allen Sinnen den Heiligen Abend. Max soll er heißen.
Heute kommt auch zu ihm das Christkind und bringt Geschenke. Das weiß er, seine Eltern haben es ihm oft gesagt in den letzten Tagen. Es kribbelt in seinem Bauch.
Vorgestern war er noch einmal mit seiner Mutter im Dunkeln unterwegs. Dort, wo große und kleine Menschen sich trafen und Lieder sangen.
Er staunte über das Haus und die Figuren darin, die in einem erleuchteten Fenster standen – und über den Stern, der von der Dachrinne baumelte und rot und orange strahlte.
Eben ist er aus der Kirche zurück gekommen. Viele Menschen waren da und die Orgel spielte. Kinder haben gesungen mit Kerzen in der Hand. Überall leuchteten Kerzen.
Jetzt steht er mit Opa vor der Wohnzimmertür. Ein Glöckchen hat geklingelt. Das ist das Zeichen: Das Christkind war da. Langsam öffnet sich die Tür.
Max geht vorsichtig über die Schwelle und bleibt starr stehen: Dunkel ist es in dem Zimmer und doch ganz hell. Da steht ein Tannenbaum in der Ecke, an dem viele, viele Kerzen strahlen.
Max staunt mit offenem Mund und staunt und staunt. Dann beginnt auch er zu strahlen.

Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. (Jesaja 60,2.)

Auch für die Hirten wird es ein Heiliger Abend. Samuel und Jonathan und Ruben, so sollen sie heißen. Sie ahnen nichts von dem, was auf sie zukommt.
Es ist eine Nacht wie jede Nacht. Sie verbringen sie draußen bei den Schafen. Mit den Hunden haben sie die Tiere zusammengetrieben. Auch das eine fehlende haben sie noch vor Anbruch der Dunkelheit wieder eingefangen.
Jetzt sitzen und liegen sie ruhig ums Feuer. Neben sich die Hunde, die aufmerksam nach Wölfen wittern und lauschen. Über sich die Sterne, die langsam ihre Bahn ziehen.
Zwischen Wachen und Schlaf reden sie leise miteinander. Über die Klauen des einen Mutterschafs, nach denen sie mal schauen müssen. Über die Leute aus dem Dorf, über das Mädchen, von dem sie träumen.
Auch über den Kaiser und seinen Statthalter und die Besatzungsmacht. Sie wissen es: Sie sind selber nur Randfiguren in dem großen Spiel um Macht und Reichtum.
Aber sie haben ja ihren Platz gefunden und sind im großen und ganzen zufrieden. Es ist der Ort, an dem sie sein wollen, hier draußen bei den Schafen, in der Mitte der Nacht.
Die aber ist mit einem Mal vorüber. Wie ein Schlag trifft sie das Licht. Von allen Seiten drängt es auf sie ein. Es ist über ihnen, es ist neben ihnen.
Sie wissen nicht, wo es herkommt, dieses Licht. Aber es blendet auch nicht. Es ist nur – klar. Alles um sie herum ist in dieses gläserne Licht getaucht.
Das Feuer verblasst in diesem Licht. In der Ferne klemmen ein paar Wölfe ihre Schwänze ein. Die Schafe schauen auf und suchen nach Gras.
   
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. (Jesaja 9,1.)

Samuel und Jonathan und Ruben, die Hirten, stehen in dieser Heiligen Nacht in der Klarheit des Herrn. Sie leuchtet um sie.
Vielleicht verstehen sie es nicht gleich und auch nicht ganz, wie ihnen geschieht. Aber womöglich sehen sie in dieser Nacht und danach ihr Leben und die Welt klarer – eben in Gottes großem Licht, das über ihnen scheint.
Es scheint über ihnen. Es scheint nicht über Augustus und auch nicht über Quirinius. Es scheint nicht über denen, die sich selber für Lichtgestalten halten und von anderen dafür verehrt werden.
Das Licht der Macht- und Geldhaber dieser Welt verblasst. Doch, es leuchtet noch, immer noch, in diesem Jahr vielleicht sogar stärker als sonst – auch bei den selbst ernannten und gewählten Kaisern und Statthaltern unserer Tage. Und manche umschwirren sie deshalb wie Motten.
Aber Gottes Klarheit fällt nicht auf sie. Sie ist nicht das Rampenlicht, in dem sich die Mächtigen sonnen dürfen. Gottes Klarheit scheint in der heiligen Nacht heute woanders auf.
Sie scheint über jedem einzelnen der 65 Millionen Menschen, die weltweit geflohen sind. Alle drei Sekunden beginnt irgendwo für einen Menschen die Flucht.
Gottes Licht scheint über ihnen. Über dem zehnjährigen Ibrahim aus Nigeria, den Terroristen fast tot schlugen, nachdem sie seinen Vater erschossen hatten. Über der 19-jährigen Doaa aus Syrien, die nur knapp überlebt, als ein Boot voller Flüchtlinge im Mittelmeer versinkt.
Gottes Licht scheint über ihnen. Damit wir sie sehen und den Frieden für sie wollen, nach dem sie sich sehnen. Und für sie tun, was ihnen gut tut und ihrem Frieden hilft.
Sie sind es, die in dieser Heiligen Nacht in der Klarheit des Herrn stehen. Sie leuchtet um sie.
  
Jesus sagt: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben. (Johannesevangelium 8,12.)

Max, der kleine Junge, steht im Lichterglanz des Heiligen Abends und staunt immer noch. Mit ihm staunen die, die um ihn herum im Wohnzimmer sind.
Sie staunen über Max: Unter dem Baum liegt ein Geschenk neben dem anderen und wartet, dass er es auspackt. Aber er hat erst einmal nur Augen für die Lichter.
Wenn er sich kurz abwendet, dann um Mama und Papa und Oma und Opa die Lichter zu zeigen: Wie schön sie leuchten und das ganze Zimmer und vor allem ihn verzaubern.
Es geschieht wie von selbst, wenn du ein Kind bist. Aber es geschieht auch, wenn du schon ziemlich groß und erwachsen bist: Dass du verzaubert wirst von dem Licht, das nur am Heiligen Abend aufscheint.
Mag sein, dass dieses Licht von den Kerzen des Tannenbaums ausgeht. Kann aber auch sein, dass es geraden Wegs aus der Krippe kommt. Quer durch Zeit und Raum fällt es in dein Leben.
Warm scheint es von dort herüber und überzieht dein Leben mit seinem Licht.
Das Leben wird dadurch nicht anders. Du bist womöglich immer noch müde von alldem, was du in den Tagen und Wochen zuvor erledigen musstest, auf dem Hof, im Betrieb, in der Schule, zuhause.
Und du siehst klar, dass die heile Welt, von der du vielleicht träumst, auch dieses Weihnachten ein Traum bleibt. Die Spannungen lösen sich nicht einfach so und die Trauer weicht nicht wie von selbst und die Idee fürs Leben kommt nicht wie von selbst.
Was dich bisher umtrieb, bewegt dich weiter. Aber das Licht aus der Krippe taucht dein Leben in seinen eigenen Glanz. Und dein Leben sieht verwandelt aus.
Was dir manchmal wie ein stumpfer Kiesel vorkommt, leuchtet in diesem Glanz wie ein Kristall. Das Leben, das du lebst, ist wertvoll, ein Schatz, weil Gottes Licht darauf fällt.
Nimm dir Zeit und schau es an. Freu dich an dem, was das Licht zum Glänzen bringt. Je länger du schaust, desto mehr entdeckst du.
Aus den feinen Rissen, die hier und da dein Leben durchziehen, strahlt goldenes Licht. In allem, was dir geschieht, strahlt Gottes Licht.
Es strahlt gerade dort, wo es dir am Dunkelsten erscheint. Dort bricht das Licht durch. Von innen heraus bringt es dein Leben zum Leuchten.
  
Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht! (1. Mose 1,3.)
  
Weihnachten wird es Licht. Es wird Licht bei den Hirten, die in der Klarheit Gottes stehen und bei den Ohnmächtigen, über denen sein Licht aufscheint.
Es wird Licht bei Max, den der Lichterglanz im Wohnzimmer verzaubert und bei dir, wenn du über das Licht in deinem Leben staunst.
Es wird Licht, weil Gott Licht macht. Auf dem Feld und im Wohnzimmer. In der Welt und in deinem Leben.
  
Und Gott sah, dass das Licht gut war. (1. Mose 1,4a.)