Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis auf Föhr
... so weit der Himmel ist ...

Die aktuelle Predigt

Hier finden Sie in der Regel die Predigten der letzten beiden Sonntage. Weitere Predigten finden Sie hier.

Ach, Sehnsucht
Zweiter Advent, 10. Dezember 2017 -- Philipp Busch

Im Anfang ist die Sehnsucht. Er ist nicht hier. Aber ich wünsche mir, er wäre hier. Je länger, desto dringlicher. Bei mir, greifbar, fühlbar.
Vielleicht fängt es deswegen auch nicht mit der Sehnsucht an. Sondern mit dem Vermissen. Ich vermisse ihn und das, was er mir verspricht.
Wärme, die länger anhält als die des Glühweins. Licht, das leiser leuchtet als das einer Kerze.
Ich vermisse ihn, weil das Leben ohne ihn nicht ist, wie es sein soll. Wie ich es mir wünsche.
Vielleicht fängt es deswegen auch nicht mit dem Vermissen an. Sondern mit dem Leben. Es tut sich eine Leerstelle auf in meinem Leben.
Manchmal, weil das Schicksal zuschlägt und einen Krater hinterlässt. Manchmal, weil ich mir vorkomme, als wäre ich ein Blatt im Wind, getrieben von den Böen eines Hagelschauers. Manchmal auch nur, weil es grau ist, wenn ich aus dem Fenster auf mein Leben schaue.
Ja, vielleicht fängt es so an. Und dann rufe ich nach dem Einen, der mich hält und füllt.

So schau nun vom Himmel! / Sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! / Wo ist nun dein mächtiges Wirken? / Wo ist die große, herzliche Barmherzigkeit?
(Jesaja 63,15 – Jörg Zink.)

Jesaja betet. Er ruft nach Gott. Vor 2.500 Jahren tut er das. Für ihn fing es an mit dem Leben und dem Vermissen und der Sehnsucht nach dem Einen.
Das Schicksal hatte zugeschlagen. In seinem Leben. Im Leben der Menschen um ihn herum.
Die Feinde überrannten das Land und die Stadt, in der sie lebten. Kaum ein Stein blieb auf dem anderen, kaum ein Mensch ohne Wunde.
Nun kehrt wieder Frieden ein. Neues Leben scheint möglich. Aber noch liegen die Trümmer herum. Und noch ziehen und pochen die Wunden, die nur langsam vernarben.
Aus dem Schmerz steigt die Sehnsucht auf. Die Sehnsucht nach einem, der die Schmerzen lindert und die Wunden heilt. Der seine Barmherzigkeit wie ein warmes Leinentuch über all das legt, was weh tut – außen und vor allem innen, tief in der Seele.
Die Sehnsucht nach einem, der wieder zusammen setzt und aufbaut, was zerstört wurde. Damit alles wieder heil wird und ganz. Endlich.
Die Sehnsucht trägt einen tiefen Schmerz in sich: Darüber, dass sie nicht erfüllt ist, dass sie offen ist. Und sie wiederholt unablässig eine drängende Frage: Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt? Ich vermisse dich. Du fehlst uns.
Er scheint weit weg. Im Himmel, in seiner heiligen, herrlichen Wohnung. Für mich und niemanden zu erreichen.
Aber erstaunlich: Die Sehnsucht holt ihn ganz nah heran. Als wäre er im Himmel mit den Händen zu greifen. Als könnte ich den Horizont erreichen und ihn dort finden.
Ob Gott nur so zu haben ist: In der Sehnsucht nach ihm? In weiter Ferne – so nah?

Vielleicht hilft auch die Erinnerung. – Jesaja betet:

Bist du doch unser Vater! / Denn Abraham weiß von uns nicht, / und Jakob kennt uns nicht. / Du, Gott, bist unser Vater, / von Urzeiten her warst du der Erlöser / für die, die dich suchten.
(Jesaja 63,16 – Jörg Zink.)

Wer sich erinnert, erzählt Geschichten. Jesaja kann Geschichten erzählen, die ihm erzählt wurden. Von Abraham und Jakob. Den Urahnen seines Glaubens.
In den Geschichten lebt ihr Glaube. Lebt das, was sie mit Gott erlebten. Aus den Geschichten spricht das, was Gott immer noch verspricht: Der Segen, den er auf das Leben seiner Menschen legt.
Viele Geschichten sind es, die erzählt werden, seit Urzeiten, von Generation zu Generation. Die Geschichten werden weiter gereicht wie ein Erbe.
Und sie erinnern. Sie erinnern dich und mich, dass Gott war. Im Leben eines Menschen wie du und ich. Also kann es geschehen, wird es geschehen, dass Gott wieder kommt. Einfach da ist in einem Leben. In deinem Leben.
Jesaja betet. Auch Gebete erinnern. Sie erinnern den, der betet. Du hast Gott schon einmal vertraut. Und er hat dich gehört. Jetzt vertrau ihm wieder.
Und Gebete erinnern Gott: Weißt du noch? Ich bin einer deiner Menschen. Einer, der dich braucht und deine Nähe.
Und Gott weiß noch. Er kann das ja nicht vergessen haben. Er kann seine Menschen ja nicht vergessen. Aber es tut gut, ihn und mich daran zu erinnern.
Vielleicht ist es manchmal sogar notwendig. Wenn die Sehnsucht verzweifelt. Jesaja betet:

Komm wieder zu deinen Knechten / und besuche dein Volk, das dir gehört. / Fast ist es, als hättest du niemals geherrscht über uns, / als hätten wir deinen Namen niemals getragen!
(Jesaja 63,17.19a – Jörg Zink.)

Manchmal ist da die große Leere. Als hätte Gott sich aus der Welt zurückgezogen: Keine Spur mehr von ihm zu entdecken.
Alles was da ist, lässt sich logisch erklären. Oder es bleibt ein unerklärlicher Zufall.
Alles was mich ausmacht, bin ich selber. Ich optimiere mein Leben und erschaffe mich selbst. Ich selbst halte alle Fäden, an denen ich hänge, in der Hand.
Jesaja stemmt sich dagegen. Gegen den Rückzug Gottes aus der Welt. Gegen das Zertrampeln von Gottes Spuren in meinem Leben. Gott soll, er muss weiter zu finden sein.
Jesaja sucht nach dem roten Faden, den Gott in sein Leben gelegt hat. Und er hält ihn fest, wenn er ihn hat. Er ist sein Band zu Gott.
Von Gottes kleinem Finger läuft der rote Faden durch sein Leben. Ein Leitfaden, der Jesaja durch sein Leben führt und durch den er immer wieder zu Gott findet – und der zu ihm.
Der rote Faden ist dünn. Geknüpft aus Erinnerung und aus Sehnsucht. Ein Band zu und von Gott, der nicht selber da ist. Das ernst genommene Versprechen, dass er dennoch da ist.
Meistens reicht es, darauf zu vertrauen: Dass Gott da ist, auch wenn er abwesend ist.
Aber manchmal reicht das Vertrauen nicht. Dann verlangt die Sehnsucht nach mehr. Dann will sie alles. Und das sofort und für immer.

Ach, wenn du doch den Himmel zerrissest! / Ach, wenn du doch herabkämst, / dass die Mächte der Welt vor dir vergingen, / dass sie verglühten wie Reisig im Feuer.
(Jesaja 63,19b;64,1a – Jörg Zink.)

Jesaja betet: Gott soll ganz da sein. Herabkommen vom Himmel, hineinfahren in die Welt, in das Leben.
Aber wie wird das sein? Wenn Gott so und ohne Wenn und Aber kommt?
Fürchte dich nicht!“ Das sagen die Engel, wenn sie einem Menschen gegenübertreten und seinem Leben eine andere Wendung geben. Vielleicht ersehnt, aber immer ungeahnt.
Es ist zum Fürchten, wenn Gott in mein Leben tritt. Ein Licht, das mich blendet. Ein Feuer, das auf meiner Haut brennt. Ein Wind, der mich durcheinander wirbelt. Danach ist nichts mehr, wie ich es kannte.
Aber zugleich ist alles so, wie es sein soll. Die Kraft füllt dich aus. Für den einen Augenblick, ganz und gar. Ein Traum eher als wirklich. Und doch wirklicher als jeder Alltag. Leben, das überläuft. Segen, der dich einhüllt.
Es ist zum Fürchten, wenn der Augenblick hereinbricht. Und zum Sehnen, wenn er wieder schwindet.
Er stillt im Hier und Jetzt alle Sehnsucht. Und füllt danach alle Orte und Zeiten mit Sehnsucht: Er soll wiederkommen und bleiben. Der Augenblick, den Gott füllt – er soll ewig dauern. Jenseits von Raum und Zeit.

Der ewige Augenblick, in dem alles Leben in Gott fällt und Teil wird von ihm – er wird kommen. Am Ende der Tage. Am Ziel aller Sehnsucht.


Glänzen wie die Sterne
Ewigkeitssonntag, 26. November 2017 -- Kirsten Hoffmann-Busch & Philipp Busch

Hab keine Angst! Gott liebt dich. Frieden sei mit dir!« (Daniel 10,19.)
Der Engel spricht sacht zu Daniel, berührt leise seinen Arm. Das tut gut. Sehr gut. Tod und Zerstörung hat Daniel gesehen.
Seine Heimat liegt in Trümmern, Jahrzehnte schon. Die Menschen um ihn herum schauen immer noch gebannt auf das Ende, das mit Schrecken kam. 
Er will den Blick lösen von dem, was war. Er will neues Leben, für sich, für die Menschen um ihn herum.
Er hebt den Kopf. Er hebt die Hände. Er klagt das Leid zu Gott. Sein Leid, das Leid der Menschen. Leid, das von Gott kommen muss, wenn es eine Sinn haben soll. Und wenn das Leid von Gott kommt, soll er helfen, es zu tragen.
Da erscheint ihm der Engel. Eine Gestalt aus Licht, die ihn leise anspricht, die ihn sanft anrührt.

»Hab keine Angst! Gott liebt dich. Frieden sei mit dir!« 
Eine spricht mich leise an und legt ihre Hand sacht auf meine Schulter. Ich atme auf, richte mich auf. Da ist eine bei mir. Eine, die mit mir teilt, was mich so einsam macht. Die Trauer, der Schmerz.
Ich möchte eigentlich nicht reden. Nicht über den Tod. Nicht über den Menschen, den er mir genommen hat. 
Ich möchte auch nicht daran denken. Aber ich komme nicht los davon: das letzte Gespräch, der Abschied für immer.
Also erzähle ich doch. Das tut weh. Aber der Schmerz bekommt Worte. Und die Worte kann ich mit ihr teilen.
Sie sagt nichts. Sie sitzt nur da und hört zu. Sie nimmt die Worte auf, in ihr Ohr, in ihr Herz. Und teilt so meinen Schmerz. Mir wird leichter.

Der Engel sagt zu Daniel: »Es wird eine Zeit der Not und Bedrängnis sein, wie es sie seit Menschengedenken nicht gegeben hat.« (Daniel 12,1b.)
Daniel wünscht sich etwas anderes. Es kann doch einfach vorbei sein. Und etwas Neues anfangen. Er und alle Menschen um ihn herum wischen die Tränen ab und krempeln die Arme hoch und packen an.
Stück für Stück nehmen sie die Trümmer, die herumliegen, und bauen sie wieder auf: die Häuser, die Heimat, die Zukunft.
Und dann wird es so sein, als sei nie etwas gewesen. Bald schon werden sie vergessen haben, dass es jemals Trauer und Trümmer gaben.
Doch der Engel lässt Daniel dort sitzen. Inmitten von Not und Bedrängnis. Als seien sie unausweichlich. Nichts, das ohne weiteres einfach aufhört.

»Es wird eine Zeit der Not und Bedrängnis sein, wie es sie seit Menschengedenken nicht gegeben hat.«
Ich würde den Tod und die Trauer gern abschütteln können. Wie einen schlechten Traum etwa. Schon bei der ersten Tasse Kaffee beginnt er zu verblassen.
Doch Tod und Trauer verfliegen nicht. Auch wenn ich mich Tag für Tag einen Schritt entferne vom offenen Grab, an dem ich stand.
Tod und Trauer laufen mit und manchmal bringen sie mich zum Stolpern, mitten im Alltag oder an einem Tag wie heute.
Ich stehe ihnen wieder gegenüber, dem Schmerz und dem Abschied. Auch wenn ich sie dann schon längst kenne, erlebe ich sie wieder neu. Durchdringend, aufwühlend.
Jetzt weglaufen, hilft nicht. Die Augen schließen und langsam bis drei zählen auch nicht.
Ich muss ihnen in die Augen schauen, dem Tod und der Trauer. Sie gehören zu meinem Leben.

Der Engel sagt Daniel: »Aber dein Volk wird gerettet werden, alle, deren Namen im Buch Gottes geschrieben stehen.« (Daniel 12,1b.)
Daniel sieht sie vor sich: eine große, dicke Rolle aus Papyrus. Sie rollt sich auf vor seinem inneren Auge auf und zeigt eine endlose Reihe von Namen.
Aus jedem Namen steigen ein Gesicht auf und eine Geschichte. Die Namen mögen sich wiederholen. Die Gesichter und die Geschichten sind alle einzigartig.
Vielleicht ist diese Rolle der größte Schatz, den Gott besitzt: Zu jedem Namen, der in ihr steht, gehört ein Leben. Gott hält die Namen fest – und er bewahrt jedes Leben.
Kein Mensch geht Gott verloren. Von ihm kommen sie, zu ihm gehen sie. Er segnet ihren Ausgang und Eingang.

»Aber dein Volk wird gerettet werden, alle, deren Namen im Buch Gottes geschrieben stehen.«
In meinem Herz stehen auch Namen. Von Menschen, die gestorben sind. Manche zu früh. Andere, als es Zeit war.
Ich trage ihre Namen weiter in mir. Deswegen haben Tod und Trauer noch Macht über mich. Manchmal fängt das Herz an zu bluten, wenn ich an diese Menschen denke.
Die Gesichter und die Geschichten steigen auf, die zu den Namen gehören. Ich kann sie vor mir sehen, ich kann sie erzählen. Die Trauer beginnt sich zu verwandeln. 
Sie fängt an zu lächeln. Sie wird warm. Weil sie sich mit Leben füllt. Mit dem Leben, das ich mit den Menschen geteilt habe.
Jemand ist erst tot, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert. Also erinnere ich mich und trage den Menschen im Herzen.
Und vertraue, dass Gott das auch tut. Er schreibt die Namen aller Menschen in sein Herz. Er trägt sie alle in sich, die Namen und die Gesichter und die Geschichten.

Der Engel sagt zu Daniel: »Viele, die in der Erde schlafen, werden erwachen, die einen zu ewigem Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande.« (Daniel 12,2.)
Daniel stellt sich das vor: Menschen stehen auf aus dem Tod wie aus einem Schlaf. Auf ihren Gesichtern stehen ihr Tod und ihr Leben geschrieben.
Ruhe geht von den einen aus, der Friede, den sie gefunden haben. Sie sind im Reinen mit dem Leben, das sie lebten.
Erschrocken sehen die anderen aus. Weit aufgerissene Augen, als hätte ihnen jemand den Blick aufgetan für das, was sie anderen Menschen angetan haben.
Daniel sieht das Gericht und was es mit den Menschen macht. Es sorgt für Gerechtigkeit, endlich. Für eine Gerechtigkeit, die Daniel hier, in diesem Leben vermisst.
Hier leiden die Gerechten, weil sie nicht auf Kosten anderer leben wollen. Aber die Ungerechten fahren die Ellbogen aus – und haben ein gutes Leben.
Dort aber, im Gericht, wird Gott das zurecht bringen. Die gerechte Strafe für die einen und und für die anderen den gerechten Lohn. Es muss diesen Ort geben, an dem die Gerechtigkeit herrscht. So sieht es Daniel.

»Viele, die in der Erde schlafen, werden erwachen, die einen zu ewigem Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande.«
Ich schaue auf den Tod und sehe eine Tür, die sich öffnet. Eine Tür aus Licht in einer dunklen Wand. Ich stelle mir vor, jeder geht durch diese Tür. Auch ich, wenn es an der Zeit ist.
Dann stehe ich auf der Schwelle dieser Tür. Und muss Rechenschaft ablegen über mein Leben.
Bist du den Menschen gerecht geworden, denen du begegnet bist? Bist du dem gerecht geworden, was dir für dein Leben anvertraut wurde?
Ich sehe wie wertvoll das Leben ist: Auch wenn mein Leben vielleicht nur ein Wimpernschlag ist: Es kommt darauf an, wie ich mein Leben lebe. Jedes Leben hinterlässt Spuren, auch meines. 
Ich stelle mir vor: Wenn ich in der Tür stehe, werde ich mit Gott zurück auf diese Spuren sehen. Gott wird mich nicht allein lassen mit dem, was ich sehe, an Schönem, an Schwerem.
Danach werde ich mich umwenden. Und dann gibt es nur einen Weg, den Gott mich über die Schwelle führen wird: den Weg ins Licht, ins ewige Leben. Weil Gott es für jeden so will.

Der Engel sagt Daniel: »Die Einsichtigen werden leuchten wie der taghelle Himmel, und alle, die anderen den rechten Weg gezeigt haben, werden glänzen wie die Sterne für ewige Zeiten.« (Daniel 12,3.)
Daniel sieht den taghellen Himmel. Er sieht das ewige Blau, das sich über ihm wölbt. Er sieht die Sonne, von der er weiß, dass sie untergeht, um wieder aufzugehen.
Und er sieht das Bild, das der Engel ihm malt: Das Leben eines Menschen gleicht einem Tag, der am Ende in der Nacht versinkt. Aber aus der Nacht geht ein neuer Tag hervor. 
Aus dem Tod geht neues Leben hervor. Dieses neue Leben leuchtet wie der ewige Himmel. Unerreichbar nah in seiner blauen Weite. Ein Ort jenseits aller Orte. Er leuchtet für die Ewigkeit: Zeit jenseits aller Zeit.

»Die Einsichtigen werden leuchten wie der taghelle Himmel, und alle, die anderen den rechten Weg gezeigt haben, werden glänzen wie die Sterne für ewige Zeiten.«
Da stehe ich eines Abends und schaue in den Himmel über der Marsch. Dunkel und schwarz liegt er über mir. 
Ich schaue hin und sehe den ersten Stern. Und den zweiten. Ich sehe das erste Sternbild und das nächste. Immer mehr Lichter durchbrechen das Dunkel und verweben sich zu einem unendlichen Lichtmuster.
Der leuchtende Nachthimmel gefällt mir als Bild für den Tod und das Leben. Dunkel auf den ersten Blick und doch voller Licht wölbt er sich über mir.
Der dunkle Himmel kann das Licht nicht schlucken, der Tod nicht das Leben.
Die, um die ich trauere, leuchten weiter, auch im Tod. Jeder, der stirbt, trägt ein weiteres Licht in die Todesnacht. Wer hier liebt und lebt, leuchtet dort weiter. Die, von denen ich Abschied nehmen musste. Eines Tages auch ich.

»Hab keine Angst! Gott liebt dich. Frieden sei mit dir!«

Davon redet der Mund
Buß- und Bettag, 22. November 2017 -- Philipp Busch

Ein Gesicht, aus dem grüne und goldene Blätter wachsen: Wer die Elisabethkirche in Marburg besucht, wird erstaunt diese Figur entdecken.
Sanft schaut sie den Betrachter mit einem freundlichen Gesicht an. Die Gesichtszüge sind weich und zugewandt – kaum zu entscheiden, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt.
Grün und golden glänzen die Blätter, die aus dem Mund und der Stirn dieses Menschen kommen, so als würden gute Worte und Gedanken aus ihm herauswachsen.

Jesus sagt:
Entweder der Baum ist gut und dann sind auch seine Früchte gut. Oder der Baum ist schlecht und dann sind auch seine Früchte schlecht. Denn an seinen Früchten könnt ihr den Baum erkennen.
(Matthäusevangelium 12,33 -- www.basisbibel.de)

Was dieses Gesicht in der Elisabethkirche hervorbringt, ist gut. Es schaut nicht nur freundlich, seine Worte und Gedanken sind deutlich. Es sieht mich an, als fragte es:
Und wie ist es mit deinen Gedanken und Worten? Sind sie gut oder böse, heilsam oder zerstörerisch?

Worte haben Macht, mit ihnen kann man anderen Menschen helfen. Aber auch Streit zwischen Menschen beginnt meist mit Worten. Solche bösen Worte können das Zusammenleben von Menschen vergiften und zerstören.
Da sagt eine Frau über ihre Mutter: „Die ist für mich gestorben.“
Grausamer kann man sich wohl nicht von einem anderen Menschen lossagen; ein endgültiger Trennungsstrich. Solche Worte treffen die alte Frau direkt ins Herz.
Oder jemand sagt in einem unbedachten Moment etwas Schlechtes über einen anderen, vielleicht: „Dein hässliches Gesicht will ich nicht mehr sehen.“
Kaum gesprochen, tut es ihm schon leid, doch nun ist es zu spät. Alle Beteuerungen und Entschuldigungen helfen nichts: Was einmal gesagt ist, lässt sich nicht mehr zurückholen, lässt sich nicht mehr ungesagt machen.

Das Wort ist schneller, das schwarze Wort“, dichtet Hilde Domin. „Es kommt immer an, es hört nicht auf, anzukommen. Besser ein Messer als ein Wort. Ein Messer kann stumpf sein. Ein Messer trifft oft am Herzen vorbei. Nicht das Wort.“

Jesus sagt:
Am Tag des Gerichts werden die Menschen Rechenschaft ablegen müssen für jedes sinnlos dahergesagte Wort! Denn aufgrund deiner eigenen Worte wirst du freigesprochen. Und aufgrund deiner eigenen Worte wirst du schuldiggesprochen.«
(Matthäusevangelium 12,36-37 -- www.basisbibel.de)

Dafür ist der Buß- und Bettag da, als kleiner Tag des Gerichts: Damit wir Rechenschaft ablegen vor uns selbst und vor Gott. Rechenschaft über unnütze und unwahre Worte, die aus unserem Mund kommen.

Jesus sagt:
Ihr Schlangen! Wie könnt ihr Gutes reden, wenn ihr böse seid? Denn wovon das Herz voll ist, davon redet auch der Mund.
(Matthäusevangelium 12,34 -- www.basisbibel.de)

Die Worte weisen zurück auf den, der sie sagt. Wie die Früchte an einem Baum, so stehen die Worte im Zusammenhang mit der Person, die sie spricht.
Jeder bringt nur das hervor, was in ihm steckt. Das trifft, weil wohl jede und jeder weiß: Es ist nicht immer gut, was ich sage, es gibt Worte, die verletzt und verstoßen haben.
Oder ich habe nichts unternommen gegen Worte, die unwahr und zerstörerisch wirkten. Ich habe den Mund nicht geöffnet, um dagegen zu reden.
Wer könnte da von sich behaupten, wie ein guter Baum zu sein? Unsere Worte sind wie ein Spiegel, der uns zeigt, wie wir sind.

Da nützen dann auch gute Vorsätze nicht. Etwas mehr Vorsicht im Umgang mit den Worten ist zwar lobenswert, macht mich aber nicht zu einem anderen Menschen.
Wohlklingende Worte können mein Wesen nicht ändern. Ich wäre dann nur wie der Wolf, der Kreide gefressen hat – aber der Wolf bin ich weiterhin.
Wie könnt ihr Gutes reden, wenn ihr böse seid?“

Buße ist mehr als das Erkennen der unnützen Worte und der Versuch, es künftig besser zu machen. Es reicht nicht, es mit guten statt faulen Früchten zu versuchen.
Es käme darauf an, ein guter Baum zu werden. Das meint Jesus mit Buße: eine Umkehr, die an die Wurzeln geht.
Das meint Luther mit der ersten von seinen 95 Thesen:
Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: Tut Buße, hat er gewollt, dass alles Leben der Gläubigen Buße sein soll.“

Umkehren, wie kann das gehen? Wie wird aus einem faulen Baum ein guter? Wie kommen wir zu einer guten Wurzel und guten Worten?

Jesus sagt:
Ein guter Mensch holt aus der guten Schatzkammer in seinem Innern nur Gutes hervor. Ein schlechter Mensch holt aus seiner schlechten Schatzkammer nur Schlechtes hervor.
(Matthäusevangelium 12,35 -- www.basisbibel.de)

Vielleicht wäre das ein Bild für die Umkehr: Wir steigen in die doppelte Schatzkammer in unserem Herzen hinab.
Wir gehen mit Gott in die schlechte Schatzkammer. Vielleicht heute, am Buß- und Bettag. Wir schauen uns all das an, was dort verführerisch glänzt: Scharfe, blitzende Worte, die dazu geschaffen sind, andere zu verletzen.
Wir nehmen diese Worte und drücken sie Gott in die Hand: Nimm du sie mit, ich will sie nicht mehr gebrauchen.
Und dann lassen wir uns von Gott in die andere Schatzkammer führen, die gute Schatzkammer. Und bitten Gott, dass er dort all die Worte ablegt, die er mitgebracht hat.
Worte, die verbinden und zusammenbringen. Die anderen sagen, was sich keiner selber sagen kann: Ich liebe dich.

Und wer weiß, vielleicht verändert sich dann unser Gesicht. Wird weich und zugewandt. Und grün und golden glänzen die Blätter, die aus dem Mund und der Stirn wachsen.

(Mit Gedanken und Worten von Matthias Wöhrmann.)


Streit! für den Frieden
Volkstrauertag, 19. November 2017 -- Philipp Busch

Mit dem Streiten ist das so eine Sache.
Auf der einen Seite gibt es die, die jedem Streit aus dem Weg gehen. Sobald man anfangen will, mit ihnen zu streiten, suchen sie das Weite. Sie haben etwas Dringendes zu tun oder gehen einfach nur ins Bett.
Auf der anderen Seite gibt es die, die den Streit suchen. Sobald man anfängt zu streiten, brausen sie auf. Bestenfalls fahren sie einem über den Mund, schlimmstenfalls hauen sie einem auf die Nase.
So richtig streiten können weder die einen noch die anderen.
Die einen schrecken vor dem Streit zurück. Aus Angst, dass sie verlieren könnten. Nicht den Streit, sondern den Menschen, mit dem sie sich streiten müssten. Was, wenn sie am Ende des Streits einander nicht mehr in die Augen schauen können?
Die anderen brauchen den Streit. Nicht, weil ihnen die Sache wichtig wäre, um die sie sich streiten. Ihnen geht es beim Streiten um die Macht. Die hat, wer sich durchsetzt und den Streit gewinnt. Also wollen sie streiten, bis sie die Gewinner sind. Und das ohne Rücksicht auf Verluste.

Mit dem Streiten ist das so eine Sache.
Jesus sagt: „Schlägt dich einer auf die Backe, halte ihm auch die andere Backe hin.“ (Lukasevangelium 6,29 -- www.basisbibel.de.)

Zumindest für die, die den Streit suchen, klingt das nach einem aberwitzigen Ratschlag: Wie soll ich einen Streit gewinnen, wenn ich klein beigebe? Die andere Backe hinzuhalten, das heißt doch: klein beigeben.
Aber auch für die, die einen Streit kaum ertragen können, ist die Vorstellung erst recht unerträglich. Nur die andere Backe hinhalten und dem anderen einfach das Feld überlassen? Der wird sich doch in die Faust lachen, bevor er mit ihr zuschlägt.

Auch wenn also jeder diesen Jesusratschlag kennt und ihn immer mal wieder gern zitiert – kaum einer folgt ihm tatsächlich.
Das hat womöglich etwas damit zu tun, dass streiten einen gefangen nimmt. Wenn ich erst einmal damit anfange, komme ich nur schwer wieder heraus.
Aus dem Ärger über eine geöffnete Zahnpastatube werden kleinere Diskussionen über Ordnung und Sauberkeit werden Vorwürfe der Schlampigkeit und Spießigkeit werden Lästereien gegenüber den Freunden werden Auszugsdrohungen werden getrennte Wege werden übles Nachtreten.
Was im Kleinen geht, läuft auch im Großen: Aus dem Ärger über einen Raketentest wird Drohung von angemessenen Antworten wird Verlegung von Kriegsschiffen und Mobilmachung wird der Druck auf den roten Knopf.
Wer hineingerät in die Spirale, kommt nur schwer wieder hinaus. Immer schneller dreht sie sich, bis alles zu spät ist. Es sei denn, jemand hält sie rechtzeitig an, irgendwie.

"Schlägt dich einer auf die Backe, halte ihm auch die andere Backe hin."

Das kann das Irgendwie sein, mit dem sich die Spirale anhalten lässt, bevor sie ins Drehen kommt.
Wenn ich es in der Hitze des Streites nicht vergesse und mich daran halten kann, dann bin ich schon einmal ausgestiegen aus der Spirale.
Ich verzichte darauf, ein böses Wort mit einem bösen Wort zu erwidern und wandle es stattdessen in ein ehrliches Kompliment um.
Und plötzlich dreht sich die Spirale ein klein wenig langsamer und auch der andere kann aus ihr aussteigen. Wenn er es denn will.
Dass er es tut, habe ich nicht in der Hand. Aber ich kann ihm wenigstens die andere Backe hinhalten und meine Hand reichen. Und wenn ich es das zweite und das dritte Mal tue, steigt er womöglich auch aus.

Oder bleibt darauf zu setzen weltfremd und gutgläubig?
Wenn das so ist, ist es auch der andere Jesussatz, der gern zitiert wird.
Jesus sagt: „Liebt eure Feinde.“ (Lukasevangelium 6,27 -- www.basisbibel.de.)

Liebe macht blind, heißt es. Kann sein, dass das auch für die Feindesliebe gilt. Vielleicht ähnelt sie einem Paar Scheuklappen.
Ich setze sie auf, um nicht sehen zu müssen, was der Feind anrichtet. In der Annahme, dass ich, wenn ich es nicht sehe, auch nicht mit ihm streiten muss.
Dann wäre Feindesliebe nichts anderes als eine Ausrede für meine eigene Feigheit. Ich bin zu feige, zu streiten, wo ich streiten müsste.

Aber Liebe macht nicht blind, Feindesliebe auch nicht. Was blind macht, ist der Hass.
Wer hasst, sieht – wenn er noch etwas sieht – nur noch Zerrbilder. Er sieht in seiner verdrehten Welt allein das, was er sehen will. Und er macht sich sein Zerrbild vom anderen.
Das gelingt besonders gut dort, wo ich den anderen nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern nur virtuell sehe.
Da liest einer in irgendeiner Facebook-Gruppe nur einen halben Satz eines anderen, den er nicht einmal kennt, und schon reißt ihn der Hass hin.
Der Kommentar ist schnell geschrieben, vollgepackt mit Vorurteilen, Unterstellungen und Beschimpfungen. Dann wird das Ganze noch eifrig geteilt und schon ist eine Lawine aus Hass losgetreten.

Hass macht blindwütig. Liebe dagegen öffnet beide Augen. Das eine Auge sieht den anderen Menschen. Das andere Auge sieht seine Meinungen.
Und beide Augen zusammen können das auseinander halten: Den anderen Menschen und die Meinung, die er vertritt. Die Worte, die er sagt, und der Mensch, der er ist.
Dann kann das gelingen: Mit dem anderen in der Sache zu streiten, ohne ihn persönlich zu verletzen. Den anderen zu schätzen und zugleich seinen Aussagen mit Argumenten zu widersprechen.

Darum muss man streiten, in den Internetforen wie im wirklichen Leben: Dass Vorurteile durch belastbare Fakten ersetzt werden.
Ein Sozialwissenschaftliches Institut hat beispielsweise in europäischen Ländern und in den USA gefragt, wie hoch denn der Anteil der Muslime im jeweils eigenen Land liege.
Die in Deutschland Befragten meinten, jeder Fünfte hier sei Muslim. Statistisch nachweisbar ist es nur jeder Zwanzigste.
Auch in allen übrigen Ländern lag der gefühlte Wert der Umfrage zufolge deutlich über dem tatsächlichen Wert.
Übrigens: Der tatsächliche Anteil der deutschen Juden lag 1933 bei unter einem Prozent der Bevölkerung. Aber diese Zahl konnte dem Hass, der wütete, den Boden nicht entziehen.

Auch darum muss man streiten: Um dem Hass entgegen zu treten, wo er einem begegnet. Eine Beleidigung auch eine Beleidigung zu nennen, wenn es eine ist – ohne dabei selber zu beleidigen.
Laut und deutlich zu sagen und zu schreiben: Beschimpfungen und Verleumdungen sind kein Umgang, persönliche Angriffe sind weder unter noch über der Gürtellinie zulässig.
Auch und gerade dann, wenn die Angriffe nicht dir gelten, sondern anderen. Ein Feuerwehrkamerad rückt ja auch bei jedem Feuer aus – und nicht nur dann, wenn das eigene Haus brennt.

Jesus sagt: "Schlägt dich einer auf die Backe, halte ihm auch die andere Backe hin." Und er sagt: "Liebt eure Feinde".

Das kann gelingen, wenn du es für andere tust. Weißt du, wofür und für wen du streitest, wirst du das Streiten lernen.
Und es lohnt sich, zu streiten. Ohne Streit gibt es keinen Frieden.

Das ist so im großen Zusammenleben von Menschen, in der Demokratie. Sie lebt vom Streit. Um Windkrafträder und Hotels. Um offene Grenzen und Obergrenzen. Um Werte und Zukunft.
Der Streit ist dazu da, Positionen zu klären und Argumente zu schärfen und Entscheidungen vorzubereiten.
Am Ende führt der Streit in den Frieden: eine Entscheidung, die von allen angenommen wird.

Das ist auch so im kleinen Zusammenleben von Menschen, in Paaren, in Familien. Auch das lebt vom Streit. Um Urlaubsziele und Zahnpastatuben. Um Mittagessen und Erziehung. Um Hobbies und Zeit.
Der Streit ist dazu da, Freiräume zu klären und Vorstellungen auszutauschen und gemeinsame Wege zu finden.
Und am Ende führt der Streit in den Frieden: eine Zukunft, die alle miteinander teilen wollen.

Aber mit dem Streiten ist das eben so eine Sache: Die miteinander streiten, müssen den Frieden wollen.

Aber wenn sie ihn wollen, werden sie ihn auch schließen.