Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis auf Föhr
... so weit der Himmel ist ...

 

Fritz Gottfriedsen – Propst in Südtondern (1939 bis 1945)

 Einführung auf einem Höhepunkt des Kirchenkampfes in der Landeskirche

Fritz Gottfriedsen als Propst (Foto: privat.)

Als Fritz Gottfriedsen im November 1933 als neuer Propst für Südtondern berufen wird, haben die „Deutschen Christen“ (DC) die kirchenpolitische Macht in der Landeskirche übernommen.

Am 12. September 1933 findet in Rendsburg die so genannte „braune Synode“ der Landeskirche statt – viele Mitglieder kommen in NS-Uniformen. Die Landessynode entmachtet sich selbst zugunsten eines aus neun DC-Mitgliedern bestehenden Landeskirchenausschusses und bestimmt Adalbert Paulsen zum Bischof von Schleswig und Holstein. Zudem wird der „Arierparagraph“ beschlossen.

Als erste Maßnahmen werden missliebige Pröpste aus dem Amt entfernt und Pastoren versetzt.

Als kirchenpolitischer Gegner formiert sich die „ Not- und Arbeitsgemeinschaft Schleswig-Holsteinischer Pastoren“, aus der später die „Bekenntnisgemeinschaft“ in der Landeskirche hervorgeht.

Am 6. Dezember 1933 sprechen 140 Pastoren der Landeskirche dem neuen Bischof Adalbert Paulsen das kirchliche Misstrauen aus. Unter anderem wird die Einführung des Arierparagraphen als bekenntniswidrig verurteilt.

Am 11. Dezember 1933 wird Fritz Gottfriedsen durch Bischof Adalbert Paulsen in sein neues Amt eingeführt.

„Ob unter diesen Umständen [Bischof] Paulsen wirklich zur Einführung am Montag kommt? […] Da Gottfriedsen nicht D.C. ist, liegen die Verhältnisse ja wesentlich anders als etwa in Flensburg usw. […] Gottfr. steht im Grunde seines Herzens wohl ähnlich wie wir. Er scheint allerdings mit wenig kirchenpolitischer Sachkenntnis von Apenrade abgefahren zu sein.“

So schreibt Rudolf Muuß am 8. Dezember 1933 an Reinhard Wester. Beide gehören zur „Not- und Arbeitsgemeinschaft Schleswig-Holsteinischer Pastoren“, später zur „Bekenntnisgemeinschaft“ in der Landeskirche. (Nachlass Wester – LKAK 98.040 Nr. 138.)

„Gottfriedsen soll angeblich mit der Leitung der DC. in der Propstei beauftragt werden; an und für sich eine ganz unmögliche Sache, wo die DC. fast überall im Untergehen sind.“ (Muuß am 13. Dezember 1933 an Wester. Nachlass Wester – LKAK 98.040 Nr. 138.)

„Abends waren wir vier Stunden bei Gottfriedsen; er steht in fröhlicher Naivität auf beiden Seiten, schwärmt von und für Paulsen und bejaht sogar die 28 Thesen [der Glaubensbewegung Deutsche Christen], weil er gar nicht merkt, was los ist. Er will nach Kinders [Reichsleiter der DC] Rezept die D.C. hier wieder reorganisieren…“ (Muuß am 11. Januar 1934 an Wester. Nachlass Wester – LKAK 98.040 Nr. 138.)

Redner beim „Gedenktag für die Toten der nationalsozialistischen Bewegung“

Am 8. und 9. November 1923 scheitern Adolf Hitler und Erich Ludendorff mit dem Versuch, durch einen Putsch in München an die Regierungsmacht zu kommen.

Bereits im ersten Band von „Mein Kampf“ deutet Hitler den gescheiterten Putsch in eine heroische Niederlage um. Die 16 getöteten Putschisten werden zu „Blutzeugen des politischen Glaubens und Wollens“ des Nationalsozialismus.

Ab 1925 sollen alle NS-Parteigruppen am 9. November Gedenkfeiern für die „Märtyrer“ abhalten, in die auch die gefallenen Soldaten des ersten Weltkrieges einbezogen werden sollen.

Nach der Machtergreifung werden die jährlichen Totenfeiern aufwändig inszeniert. Im Februar 1935 veröffentlicht Reichsinnenminister Frick einen Runderlass zu den „Totengedenktagen“.

Der 9. November wird zum staatlichen „Gedenktag für die Toten der nationalsozialistischen Bewegung“. 1939 wird er zum offiziellen Feiertag.

Am 9. November 1935 spricht Fritz Gottfriedsen auf einer Feier zum „Gedenktag für die Toten der nationalsozialistischen Bewegung“ in Westerland:

„Deutschland muß leben, auch wenn wir sterben müssen. […] Wir können sie nicht trennen, die deutsche Volksgemeinschaft, die Helden des Weltkriegs und die Opfer des 9. November 1923.

[…] Todwund und müde, ungebeugt, aber verraten kehrte jenes graue Heer heim im November. Und dann kam einer, der entfaltete eine neue Fahne […] da sammelte sich eine neue Schar […] als der Zug durch die Straßen Münchens ging, da tat sich kund, wieweit wir waren. Es war verfrüht. Die Schüße fielen aus deutscher Hand. Gott sei's geklagt. Und einer sank nach dem andern von den 16, derer wir heute besonders gedenken. […]

Die blutige Saat des 9. November 1923 ging auf und trug hundert- und tausendfältige Frucht. Das Blut, das vor der Feldherrenhalle geflossen war, fing an zu reden, erst leise, dann immer lauter, bis es wie ein Orkan durch Deutschland brauste: Deutschland erwache! […]

Durch die Helden schaut Gott uns an, Gott, der keine Knechte wollte, der den Menschen Stahl und Eisen gab, der die Treue zu Vaterland und Volk, als von ihm gegebenen Gütern, als große Verpflichtung uns Menschen ins Herz gelegt hat, und der von uns auch die Erfüllung dieser Pflicht fordert …“

(Nachlass Wester, LKAK 98.040 Nr. 259)

Kreisverbandsleiter im „Volksbund für das Deutschtum im Ausland“

1881 gründet sich der „Allgemeine Deutsche Schulverein“. Er hat zum Ziel, die Deutschen im Ausland „…dem Deutschtum zu erhalten und sie nach Kräften in ihren Bestrebungen, Deutsche zu bleiben oder wieder zu werden, zu unterstützen.“

1908 erfolgt die Umbenennung in „Verein für das Deutschtum im Ausland.“ Nach dem ersten Weltkrieg arbeitet der Verein – mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes – für eine Revision der Grenzverschiebungen und für den Erhalt des „Auslandsdeutschentums“.

1933 wird der Verein zum „Volksbund“. Er soll die „Volksdeutschen“ in Europa und den USA betreuen – u.a. unterstützt er ab 1935 die österreichische NSDAP finanziell.

„Kameradschaftsopfer Lügumkloster“. Spendenabzeichen des VDA zwischen 1934 und 1939. (Foto: Deutsches Historisches Museum.)

1938 wird der Volksbund der „Volksdeutschen Mittelstelle“ unterstellt, die als Zentralstelle die Verwaltung und Verteilung sämtlicher Hilfsgelder für die „Volkstumsarbeit“ übernimmt.

Ab 1939 ist die „VoMi“für die Organisation der Umsiedlung deutscher Volksgruppen unter der Losung „Heim ins Reich“ zuständig. 1941 wird sie als ein Hauptamt in die SS eingegliedert.

Fritz Gottfriedsen ist während seiner Zeit als Propst für Südtondern im „Volksbund für das Deutschtum im Ausland“ tätig.

1935 lädt ihn die Bundesleitung des Volksbundes zu einer „Ostlandreise“ ein.

1938 nimmt er an der „Öselfahrt“ des Volksbundes teil und besucht deutsche Kirchengemeinden im Baltikum.

Im August 1940 schreibt Gottfriedsen an das Landeskirchenamt:

„Von der Bundesleitung des Volksbundes für das Deutschtum im Ausland bin ich als Kreisverbandsleiter des VDA zu einer Arbeitstagung nach Karlshorst bei Lübeck vom 10. bis 18. ds. Mts. berufen worden.“

Im November 1940 hält er in Rostock einen Vortrag  über „Volkstum und Kirche im Schleswigschen Grenzland und ihr Verhältnis zueinander“.

(Vgl. die Urlaubsgesuche in der Personalakte Gottfriedsen – LKAK 12.03 Nr. 1547 S. 95, 104, 110, 111.)

Kirchenkampf: „... fehlt uns das notwendige Vertrauen zu der Amtsführung …“

1936 kommt es zur Auseinandersetzung um die Besetzung der Pfarrstelle in Rodenäs.

Im Sommer 1936 verwaltet Paul Dahl die Stelle. Kirchenvorstand und Gemeindeversammlung wünschen ihn als Pfarrstelleninhaber.

Im November erscheint unangekündigt Pastor Böttcher in Rodenäs und gibt an, der neue Stelleninhaber zu sein. Am 30. November erhält Dahl vom Landeskirchenamt die Abberufung zum 1. Dezember.

Die Pastoren der Bekenntnisgemeinschaft vermuten als Grund für die Abberufung die Zugehörigkeit von Dahl zur „Bekenntnisgemeinschaft“. In einem Beschwerdebrief an das Landeskirchenamt heißt es:

„Bei der Neubesetzung vakanter Stellen in Stüdtondern hat Propst Gottfriedsen bisher in allen Fällen der Bekenntnisgemeinschaft nicht angehörende Amtsbrüder in die Propstei gezogen, selbst da, wo bisher ein Bekenntnispastor amtierte. Auch jetzt scheint der Propst sich […] für Entfernung von Dahl eingesetzt zu haben.“

(Schreiben der Bekenntnispastoren von Südtondern am 1. Dezember 1936 an das Landeskirchenamt. Nachlass Wester – LKAK 98.040 Nr. 138.)

Die Bekenntnispastoren brechen alle amtlichen Beziehungen zu Gottfriedsen und zum Synodalausschuss ab.

Es kommt dennoch zu einem Gespräch der Bekenntnispastoren mit Gottfriedsen, in dem sich herausstellt, dass ihre Vorwürfe im Wesentlichen haltlos sind. Das bestätigt sich auch in Verhandlungen im Landeskirchenamt – ohne Beteiligung von Gottfriedsen.

Im Ergebnis werden zur Befriedung der Gemeinde sowohl Dahl als auch Böttcher abberufen und den Bekenntnispastoren die „Vollmacht zur Bereinigung der kirchlichen Lage in Rodenäs“ übertragen.

Sie fordern auch die Abberufung des Propsten:

„Auf Grund der Erfahrungen der letzten Jahre fehlt uns das notwendige Vertrauen zu der Amtsführung von Herrn Propst Gottfriedsen in Leck. […] Für eine echte Befriedung in unserer Propstei ist die Neubesetzung des Propstenamtes unseres Erachtens unerläßlich.“

(Schreiben der Bekenntnispastoren von Südtondern am 14. Dezember 1936 an das Landeskirchenamt. Nachlass Wester – LKAK 98.040 Nr. 138.)

Die Abberufung Gottfriedsens bleibt aus, die Bekenntnis­pastoren nehmen die amtlichen Beziehungen wieder auf:

„Allen Spannungen zum Trotz: Am Jahresschluß 1936 schlossen wir miteinander 'Burgfrieden'. Dieser wurde im großen und ganzen auch durchgehalten.“

(Hans Peter Claussen, Bekenntnisgottesdienst vor verschlossener Kirchentür, in: Zeit, den schmalen Weg zu gehen. Zeugen berichten vom Kirchenkampf in Schleswig-Holstein, Kiel 1985, 101-103, hier: 102f.)

Nach der NS-Zeit begegnen sich Gottfriedsen und Dahl ab 1948 als Nachbarpastoren auf Föhr wieder.

Kirchenkampf: „... als geistlichen Führer lehne ich Gottfriedsen ab …“

Im Februar 1937 fragt Wolfgang Puls, Mitglied der Bekenntnisgemeinschaft (BK), bei deren Bruderrat, an, wer ihn als neuen Pastor von Dagebüll einführen kann:

„Eine Einführung durch Propst Gottfriedsen kommt wohl nicht in Frage. […] [Es] müßte ja Herr Oberkonsistorialrat Halfmann [Vertreter der BK im Landeskirchenamt] die Einführung vornehmen. Da ich aber annehme, daß er daran gehindert werden wird, müßte ich als Zwischenlösung meine Einführung durch meinen Vater vorschlagen, der ja kirchenpolitisch nicht gebunden ist.“

(Nachlass Wester – LKAK 98.040 Nr. 136.)

Er erhält auf sein Schreiben keine Antwort.

Im April 1937 schreibt Puls erneut an den Landesbruderrat der Bekenntnisgemeinschaft:

„Nachdem Propst Gottfriedsen mir einen sehr kurzfristigen Termin zur Einführung gestellt hat, habe ich mich nach reiflicher Überlegung […] entschlossen, mich am 2. Mai von Pr. G. einführen zu lassen. Ich sehe in der Einführung nicht so sehr eine Funktion der geistlichen Leitung sondern mehr einen Verwaltungsakt. – Selbstverständlich möchte ich das nicht so aufgefasst sehen, als wolle ich den Brüdern in der Propstei in den Rücken fallen. Als geistlichen Führer lehne ich Gottfriedsen mit ihnen ab. Die Einführung aber nimmt er für das Landeskirchenamt wahr. Ich halte es für wertvoller, dass wir in engerer Zusammenarbeit mit dem Propsten als Verwaltungsbeamten eine Gemeinde für uns halten, als daß wir sie wie Neugalmsbüll oder Rodenäs verlieren.“

(Nachlass Wester, LKAK 98.040 Nr. 136.)

An Gottfriedsen schreibt Puls am selben Tag:

„Unter Bezugnahme auf unser gestriges Gespräch bitte ich Sie, mich am Sonntag, den 2. Mai vormittags ½ 10 Uhr in mein Amt in Dagebüll einzuführen. Ich sehe in der Einführung einen reinen Akt der äußeren Ordnung und betone umsomehr, daß ich mich dadurch in keiner Weise in der Haltung von den Pastoren der Bekenntnisgemeinschaft in der Propstei Südtondern distanziere. Mit den besten Grüßen und Heil Hitler!“

(Nachlass Wester – LKAK 98.040 Nr. 136.)

Abschied:  „... unbestreitbar, dass ich für Südtondern Propst 'i.R.' bin“

Die Vorläufige Kirchenleitung (VKL), im August 1945 gewählt, soll die 'neuen Anfänge' nach dem Ende der NS-Zeit organisieren. Sie befasst sich in ihren ersten Sitzungen u.a. mit der Bestätigung der Pröpste.

Am 7. September 1945 beschließt die VKL, Fritz Gottfriedsen zum 1. Januar 1946 als Propst in den Ruhestand zu versetzen.

Am 14. September 1945 nimmt sie den Beschluss zurück. Sie bestätigt Gottfriedsen im Amt des Propstes und beruft ihn zum 1. Januar 1946 als Propst von Oldenburg in Hol­stein.

Am 29. Oktober 1945 schickt Hans Treplin im Auftrag des Bruderrates der BK Eingaben an die VKL. In dem Schreiben heißt es unter anderem:

„Über die Betrauung Gottfriedsens mit der Nachfolgerschaft Benders waren wir im Bruderrat baß erstaunt […] Dieser Meinung bin ich auch und ich werde Sie noch mit mehr Material über Gottfriedsen versorgen.“ (LKAK 20.01 Nr. 696.)

Dieses Material ließ sich in den Archiven bislang nicht auffinden.

Am 19. November 1945 nimmt die VKL das Schreiben ohne weitere Konsequenzen zur Kenntnis.

Am 14. Januar 1946 übergibt Gottfriedsen die Amtsgeschäfte in Südtondern. Im von ihm selbst handschriftlich verfassten Protokoll der letzten Sitzung des Synodalausschusses unter seiner Leitung heißt es unter TOP 3:

„Der Synodalausschuss beschließt einstimmig, wenn Propst Gottfriedsen in Erfüllung seines Amtes als Propst für die Nordschleswigsche Gemeinde der ev.-luth. Landeskirche Schleswig Holsteins, um seinem Arbeitsgebiet näher zu bleiben, den Wunsch hat, bis auf weiteres ein Pfarramt in Südtondern zu erhalten, diesen Wunsch von sich aus zu unterstützen.“

(Protokollbuch des Synodalausschusses der Propstei Südtondern.)

Am 15. Januar 1946 schreibt Gottfriedsen an das Landeskirchenamt:

„... bitte ich aber die Vorläufige Kirchenleitung, mich im Pfarramt hier im Grenzgebiet zu belassen und die ausgesprochene Bestätigung im Amte eines Propstes auf das Amt als Propst der Nordschleswigschen Gemeinde übertragen zu wollen …“

(Zitiert nach einem Schreiben Gottfriedsens vom 19. März 1946. Personalakte Gottfriedsen – LKAK 12.03 Nr. 1547 S. 123.)

Am 8. Februar 1946 beruft die VKL Gottfriedsen auf die zweite Pfarrstelle von St. Johannis auf Föhr.

Inwieweit er weiter Propst für die Nordschleswigsche Gemeinde ist, bleibt zunächst ungeklärt.