Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis auf Föhr
... so weit der Himmel ist ...

Fritz Gottfriedsen – Pastor an St. Johannis (1946 bis 1962)

Neue Anfänge nach dem „Zusammenbruch“

Auf dem Weg zur Konfirmation. (Foto: Merian Sylt – Amrum – Föhr [Heft 5, 28. Jahrgang.)

Am 15. Januar 1946, einen Tag nach seinem Ausscheiden als Propst von Südtondern, bittet Fritz Gottfriedsen das Landeskirchenamt, ihn im Amt des Propstes für Nordschleswig zu belassen und ihm vorerst eine Kirchengemeinde in Nordfriesland zu übertragen.

Am 8. Februar entsendet das Landeskirchenamt ihn  auf die zweite Pfarrstelle von St. Johannis auf Föhr.

Der Kirchenvorstand hat keine Einwände, sofern „das Landeskirchenamt die Mehraufwendung an Gehalt übernimmt.“

Am 1. April 1946 beginnt die Amtszeit in Nieblum.

Fritz Gottfriedsen eröffnet seine Eintragungen in die Chronik von St. Johannis mit einem summarischen Rückblick auf die Jahre 1939 bis 1945:

„Wahrhaft haben die Soldaten heldenmütig an allen Fronten im Osten, Westen, Norden und Süden, von Nord-Norwegen bis nach Afrika, vom Weißen bis zum Schwarzen Meer gekämpft, und die Heimat hat sich mit Erfolg bemüht, an Einsatzbereitschaft nicht hinter ihren Kriegern draußen zurückzustehen. […]

Ob einer bis zuletzt gläubig, vertrauensvoll auf eine Wende des seit dem Sommer 1944 offensichtlich in's Wanken geratenen Kriegsglückes Deutschlands gehofft hatte, oder ob ein anderer schon seit Jahren vielleicht die wirtschaftliche, politische und militärische Unmöglichkeit einer erfolgreichen Beendigung des Krieges erkannt zu haben und ein Ende mit Schrecken voraussehen und voraussagen zu müssen meinte, - - als der völlige Zusammenbruch sich zeigte und die bedingungslose Kapitulation Deutschlands ausgesprochen und unterschrieben war, da war für den einen wie für den anderen der Schicksalsschlag, vor den Trümmern eines Deutschen Reiches zu stehen, gleich schwer.“

(Chronik von St. Johannis 1886-1989 – LKAK 18.32.088 Nr. 152.)

Kriegsgedenken: Das Ehrenbuch für die Gefallenen

Widmung im „Ehrenbuch“ der Kirchengemeinde. (Foto: Kirchengemeinde.)

Im Jahr 1949 übergibt Gottfriedsen der Kirchengemeinde ein „'Ehrenbuch' für die Gefallenen und für die durch Kriegseinwirkung Gestorbenen“.

Das Ehrenbuch liegt in der Anfangszeit jeden Sonntag im Gottesdienst auf einem Pult aus. Später ist es ausschließlich am Volkstrauertag einzusehen.

„Am Totensonntag wurde in besonderer Weise der Opfer der Kriege gedacht. Ein 'Ehrenbuch' für die Gefallenen und durch Kriegseinwirkung Gestorbenen wurde feierlich durch den Unterzeichneten der Gemeinde übergeben und auf einem dafür besonders hergerichteten Pult im Südteil des Kreuzes der Kirche – unter den Klängen des Liedes vom 'guten Kameraden' – niedergelegt.

Das Buch enthält in dem 1. Teil die Namen und Bilder der Gefallenen des Weltkrieges 1914 – 1918, im 2. Teil die der im Kriege 1939 – 1945 Gefallenen und durch Kriegseinwirkung Gestorbenen aus St. Johannis. Im 3. Teil sind die Namen der Kriegsopfer von Angehörigen derer, die z. Zt. als Ostflüchtlinge in unserem Kirchspiel leben und jetzt keine Aussicht haben, in ihre Heimatgemeinde zurückzukehren, aufgezeichnet.

Das Ehrenbuch liegt bis auf weiteres an seinem Platz in der Kirche an jedem Sonntag aus, die Seite desjenigen aufgeschlagen, dessen Todestag in der vorhergehenden Woche oder an dem Datum war. Bisher fehlten noch nie Blumen über dem Ehrenbuch, und die Angehörigen sind an den Gedenktagen fast stets unter den Gottesdienstbesuchern zu sehen und verweilen vor dem Ehrenbuch.“

(Chronik von St. Johannis 1886-1989 – LKAK 18.32.088 Nr. 152.)

Kriegsgedenken: „ ... dass er sein Leben lässt für seine Freunde …“

Nach dem Ersten Weltkrieg wird auf dem Friedhof von St. Johannis ein Ehrenfriedhof für die Gefallenen aus der Kirchengemeinde angelegt.

Namensplatten benennen – geordnet nach dem Herkunftsort – die getöteten Soldaten.

Den Fluchtpunkt bildet ein 4,5 m hoher Obelisk, in den drei Steinplatten eingelassen sind. Die obere Platte zeigt einen Soldatenkopf. Auf der mittleren Tafel steht die Widmung:

Die dankbare St. Johannisgemeinde widmet diesen Ehrenfriedhof ihren in den Kriegen 1914 – 1918 und 1939 – 1945 gefallenen tapferen Söhnen.

Diese Platte entstammt der Erneuerung und Erweiterung des Ehrenfriedhofs aus dem Jahr 1956:

„Die Inschrift auf dem Hauptdenkmal [wurde] ergänzt und die ganze Mitte des Ehrenfriedhofes mit einer Anlage und Gedenksteinen für die Gefallenen des letztes Krieges versehen. Gegenüber dem großen Denkmal wurde für die Opfer des 2. Weltkrieges – Männer, Frauen und Kinder – ohne Nennung von Namen ein Gedenkstein aufgestellt. Die Einweihung des so erweiterten Ehrenfriedhofes wurde unter großer Beteiligung der Gemeinde am Volkstrauertag, dem 18. November, vorgenommen.“

(Chronik von St. Johannis 1886-1989 – LKAK 18.32.088 Nr. 152.)

Platte am Ehrenmal. (Foto: http://www.denk-mal-gegen-krieg.de/kriegerdenkmaeler/schleswig-holstein-i-n/)

Die untere Platte auf dem Ehrenmal zitiert einen Bibelvers:

„Niemand hat grössere Liebe denn die dass er sein Leben lässt für seine Freunde“ (Joh 15,13).

Dieser Bibelspruch ist häufig auf Kriegerdenkmälern zu lesen. Er ist ein Beispiel für eine pseudo-biblische Legitimation des Soldatentods: Er wird mit dem Kreuzestod Jesu gleich gesetzt.

„Ich habe auf Ihrem

Soldaten-Denkmal gelesen, dass
niemand größere Liebe hat, als
der, der sein Leben für seine Freunde gibt.

Jesus hat damit bestimmt nicht gemeint,
dass man in den Krieg gehen soll, um andere
zu töten und dann selbst getötet zu werden.

Er sagte viel mehr, wir sollen sogar
unsere Feinde lieben.“

(Aus dem Jahr 2017: Eintrag im Besucherbuch von St. Johannis.)

Zum Weiterdenken siehe auch das Projekt „DENK MAL!“ der Ev. Akademie der Nordkirche: www.denk-mal-gegen-krieg.de

Altenfeiern und Liebesgaben für Einheimische und Flüchtlinge

Die Armut ist groß in den Jahren nach Kriegsende. Die Kirchengemeinde St. Johannis richtet 1947 erstmals „Altenfeiern“ aus, bei denen vor allem Bedürftige im Blick sind.

„An den letzten Tagen vor Weihnachten wurden in beiden Pfarrbezirken 'Altenfeiern' für die Gemeindeglieder, die 70 Jahre und älter waren, veranstaltet. Durch Spenden der Gemeindeglieder konnten den Alten – von den Gliedern der Frauenhilfe gesammelt und den Bezirksmüttern geordnet und betreut – Kaffee und Kuchen gereicht werden. Auch konnte allen Bedürftigen dabei als Gabe der 'Gesamtverbände der freien Wohlfahrtspflege' je ein Christstollen überreicht werden.

Ebenfalls wurden in der Vorweihnachtszeit durch die Frauenhilfen und Pastorate an manche Familien, Einheimische und Flüchtlinge, Liebesgaben in Gestalt von Nahrungsmitteln oder Geld verteilt.“

(Chronik von St. Johannis 1886-1989 – LKAK 18.32.088 Nr. 152.)

1945 wurde von den Landeskirchen das Evangelische Hilfswerk gegründet. Ziel war es, jede Gemeinde zur Mithilfe anzuregen.

Für 1947 gibt die Chronik von St. Johannis detailliert über den Erfolg der Sammlungen Auskunft:

„Diese Gaben entstammten Sammlungen des 'Kirchlichen Hilfswerkes' innerhalb der Kirchengemeinde, welche – von Kirchenältesten und -Vertretern durchgeführt – als Geld- und Sachspende in den drei Sammlungen der Kirche zu Ostern, Pfingsten und Advent zusammengebracht waren.

In unserer Gemeinde wurden in diesen drei Sammlungen im Jahre 1947 im ganzen RM 7540,-- aufgebracht, von welchen RM 2835,-- in der Gemeinde verblieben, während 4705,-- RM an das 'Kirchliche Hilfswerk' der Landeskirche abgeführt wurden. Die Sachspenden betrugen – vor allem als Erntedankopfer – im ganzen etwa 18 Ctr Kartoffeln, 3 ½ Ctr. Wurzeln, 6 ½ Ctr. Rüben, 4 ½ Ctr. Nährmittel, 3 Ctr. Korn und 1 Ctr. Kohl, sowie etwas Fleisch, Gemüse und Obst und ca 300 Brote.“

(Chronik von St. Johannis 1886-1989 – LKAK 18.32.088 Nr. 152.)

Goldene Konfirmation 1950 und Konfirmation 1953

Gottfriedsen berichtet von der ersten Goldenen Konfirmation für St. Johannis im Jahr 1950:

„Etwa 180 'Goldene Konfirmanden' waren von nah und fern zusammengekommen. Um 13 ½ Uhr fand der stark besuchte Festgottesdienst statt, verbunden mit einer Abendmahlsfeier, an der reichlich 200 Gottesdienstbesucher – vor allem die Goldenen Konfirmanden selber – teilnahmen.

Anschließend war eine Nachfeier mit Kaffeetafel in Bahnsens Gasthof. Die Konfirmandinnen des laufenden Jahrgangs – meist in Friesentracht – schmückten vor dem geschlossenen Gang vom Gasthof zur Kirche die Gold. Konfirmanden mit je einem Goldzweig.

Bei der von Gliedern der Frauenhilfe festlich geschmückten Kaffeetafel – zum Gebäck waren alle Zutaten in der Gemeinde gestiftet worden – wurden […] Ansprachen gehalten und manche eingelaufene Briefe und Grüße vom Festland und aus Amerika verlesen. […]

Jeder Gold. Konfirmand erhielt durch Kirchenälteste, die je an einer Tafel mit Platz genommen hatten, überreicht: ein Bild unserer St. Johanniskirche mit einem Erinnerungswort. Die gemischten Chöre von Nieblum und Alkersum trugen durch Chorlieder in Gottesdienst und Nachfeier zur Verschönerung der festlichen Stunden bei.“

(Chronik von St. Johannis 1886-1989 – LKAK 18.32.088 Nr. 152.)

Konfirmation 1953. (Foto: Bildarchiv der Ferring-Stiftung.)

Nickels Olufs, Konfirmand von 1953, erzählt im Rückblick über die Konfirmandezeit:

„Vor den Pastoren und Lehrern hatte man damals Angst. Man wechselte die Straßenseite, wenn man sie kommen sah. Bei Propst Gottfriedsen hatten wir keine Angst.

Wenn wir im Unterricht mal keine Lust hatten, brachten wir ihn auf den Krieg. Er konnte zwei Stunden erzählen.

Für den Prüfsonntag verabredete er mit uns, dass wir uns immer alle melden sollten. Wer eine Antwort wusste, mit der rechten Hand, wer keine wusste, mit der linken Hand. In der Prüfung nahm er nur die dran, die sich mit der rechten Hand meldeten.

Nach der Konfirmation sind wir jede Woche zu ihm gegangen. Mal ein paar mehr, mal ein paar weniger. Wir haben uns mit ihm unterhalten. Über Gott und die Welt.“

Von der zugefrorenen Nordsee im Winter 1946/47 bis zur Sturmflut 1962

Am Beginn der Amtszeit von Gottfriedsen liegt ein strenger Winter:

Eiswinter 1947: Lastwagen bringen Lebensmittel vom Festland über das Eis. (Foto: Bildarchiv der Ferring-Stiftung.)

„Der Winter 1946/47 war lang und hart, und viele Menschen mußten bitter unter der herrschenden Knappheit an Feuerung leiden, ja auch die wenigen auf die Lebensmittelkarten zu kaufenden Nährmittel und Brot wurden teilweise sehr knapp, da die Insel von Mitte Januar ab wochenlang durch Eis von jeglichem Verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten war. Was seit Menschengedenken nicht der Fall gewesen war, trat im Februar ein: Es wurde ein öffentlicher Weg über das Eis zwischen Südwesthörn und Nesshörn abgesteckt und der Verkehr dahinüber gelenkt. […] [Es] wurden zum Glück der Inselbevölkerung ganze Kolonnen von Lastwagen mit Nahrungsmitteln und Feuerung (vor allem für Bäckereien und Meiereien) vom Festland herübergeführt.“

(Chronik von St. Johannis 1886-1989 – LKAK 18.32.088 Nr. 152.)

Zum Ende der Amtszeit kommt die schwere Sturmflut vom Februar 1962:

„Wir in St. Johannis, wie alle Bewohner unserer Insel Föhr haben Gott dem Herrn unendlich dankbar zu sein, daß Er wunderbar und gnädig über uns gewaltet hat, daß um die mitternächtliche Stunde, als es wohl in Bezug auf Durchhalten der Deiche im Norden und Westen auf des 'Messers Schneide' stand, der Wind umsprang und das Wasser, welches da wohl mit ganzer Macht in die Elbe hineindrängte, mit seinem Druck auf die Insel nachließ.

In Greveling brach wohl der Deich, und der Wasserstand erreichte daselbst und unterhalb 'Kleine Heesch' einen kaum je für möglich gehaltenen Höchststand – über mannshoch standen am Wege Nieblum – Wyk Südstrand Bäume und Tannen im Wasser – wohl stürmte das Wasser in der Nacht bis an den Südrand des Dorfes Nieblum, aber zwei von den Männern der Freiw. Feuerwehr aufgeschüttete Dämme verhinderten einen Durchbruch der Fluten in das Dorf bzw. […] durch das Dorf in die Marsch hinein.

Aus tiefdankbarem Herzen gedachten wir im nächsten Gottesdienst der göttlichen Bewahrung, und außer der speziell angesetzten Sonntagskollekten wurden viele Spenden an Geld und Sachen für die 'Flutkatastrophen-Geschädigten' gesammelt.“

(Chronik von St. Johannis 1886-1989 – LKAK 18.32.088 Nr. 152.)

Abschied: „…musste um seine endgültige Zurruhesetzung bitten…“

Ein Loblied zum Abschied. (Der Inselbote vom 31. Oktober 1962).

Fritz Gottfriedsen bleibt zwei Jahre über die Ruhestandsgrenze hinaus im Amt.

„Die Kirchenältesten von St. Johannis haben mich um meine Bereitwilligkeit gebeten, auch über den 31.10.1960 hinaus noch weiter Pastor der Kirchengemeinde hier zu bleiben. Ich fühle mich gesundheitlich in der Lage und habe Freudigkeit, meinen Dienst noch länger zu versehen. Hierdurch bitte ich das Landeskirchenamt, meinen Pensionierungstermin um einige Jahre zu verschieben.“

(Schreiben von Gottfriedsen am 16. Januar 1960 an das Landeskirchenamt. Personalakte Gottfriedsen – LKAK 12.03 Nr. 1547 S. 162.)

„Ich hatte zwar gehofft, daß 'die paar Jahre', die Pastor Gottfriedsen mir seinerzeit angekündigte und für die er mich bat, ihn in seiner Gemeindearbeit nicht zu 'stören', nun beendet seien – Sie wissen ja, daß er während der Kirchenkampfzeit mein Propst war –, aber wenn wer will, soll er von mir aus weiter amtieren. Das bedeutet freilich, daß ich auch in den nächsten Jahren um Nieblum/Föhr einen Bogen machen muß.“

(Schreiben von Bischof Wester am 3. Februar 1960 an Propst Otte. Personalakte Gottfriedsen – LKAK 12.03 Nr. 1547 S. 161.)

Der letzte Eintrag Gottfriedsens in der Chronik stammt vom April 1963:

„Am 10. Januar erlitt der Unterzeichnete einen erneuten Herzanfall und musste nach einigen Wochen strenger Ruhe um seine endgültige Zurruhesetzung bitten. Diese trat nach Einsegnung der Konfirmanden am 3. März ein.“Diese Seite wird noch erstellt.