Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis auf Föhr
... so weit der Himmel ist ...

Fritz Gottfriedsen – Aufbauarbeit in Nordschleswig

Gründung der Gemeinde

1920 wird Nordschleswig nach einer Volksabstimmung Teil Dänemarks. Es stellt sich die Frage, wie sich die verbleibende deutsche Minderheit kirchlich organisiert.  

Eine Antwort gibt am 25. März 1923 die Gründung der Nordschleswigschen Gemeinde. Nach dänischem Recht ist sie eine Freigemeinde. Nach deutschem Recht Teil der Schleswig-Holsteinischen Landeskirche.  

Als erster Pastor der Neugründung wird Fritz Gottfriedsen am 29. April 1923 durch den Schleswiger Generalsuperintendenten Petersen in Tingleff in sein Amt eingeführt.  

Am Ende des Jahres 1923 hält der Vorsitzende der Gemeinde, Jacob Nissen, Rückschau: Die Anerkennung der Nordschleswigschen Gemeinde als Freigemeinde ist beim Bischof in Ribe beantragt. Gottfriedsen hat an sieben Orten vierzig Gottesdienste mit durchschnittlich 88,5 Teilnehmern gehalten.

(Vgl. Ingrid Riese, Die Nordschleswigsche Gemeinde, ihre Gründung und Einfügung in das kirchliche Leben in Nordschleswig, in: Im Wandel der Zeiten. 75 Jahre Nordschleswigsche Gemeinde, hrsg. von der Nordschleswigschen Gemeinde, Tingleff 1998, S. 7-21.)

Erster Pastor

„Es begann für mich persönlich mit einer Unterredung, zu welcher mich im Frühjahr 1922 Pastor D. Schmidt-Wodder und der ehemalige Pastor, damals Regierungsrat, Nissen, in den 'Flensburger Hof' gebeten hatten. Ich war zu der Zeit Vikar bei Konsistorialrat Propst Niese zu St. Marien in Flensburg … In Nordschleswig, Groß Nustrup, Kreis Hadersleben geboren und daher im Besitz eines 'kleinen Grenzpasses', hatte ich die Möglichkeit, in das abgetretene Gebiet zu reisen, ja für Dänemark zu optieren.  

Von Flensburg fuhr ich zur Abhaltung von deutschen Gottesdiensten und, wo sie gewünscht waren, zu Amtshandlungen nach Tingleff, Uk, Gravenstein und anderen Kirchenspielen in der Grenzgegend.

Nach Ablegung meines Amtsexamens im Herbst 1922 wurde ich zusammen mit meinem Freunde und Amtsgefährten Harald Boyens am Adventssonntag, den 3. Dezember 1922, durch den Generalsuperintendenten für Schleswig, D. Petersen, im Dom zu Schleswig für den kirchlichen Dienst in Nordschleswig ordiniert.“  

(Gottfriedsen im Volkskalender 1973. Zitiert nach Peter J. Sönnichsen, Im Wandel der Zeiten – 75 Jahre Nordschleswigsche Gemeinde, in: Im Wandel der Zeiten, S. 92-412, hier: S. 146f.)

Rückblick auf die ersten Jahre in Tingleff (1922 bis 1925)

„Von Tingleff als Sitz des Pastors aus wurden die Deutschen zunächst in den Kirchspielen Uk, Klipleff, Holebüll und Gravenstein mitbetreut. Die Gottesdienste wurden zuerst auf Grund regelmäßiger Anträge durch Gemeindeglieder, später nach festgesetzten 'Regulativen' in den Kirchen gehalten. […]

Das erste Auto: ein Ford. Der Geschäftsführer der Gemeinde „übernahm es, dem Pastor mit dem Auto und den Fahrkünsten vertraut zu machen.“ (Foto: Im Wandel der Zeiten, S. 149.)

Das Jahr 1924 brachte eine wesentliche Erleichterung in der Betreuung der weitverzweigten Gemeinde in Gestalt des ersten Autos. Bis dahin dienten der Beförderung des Pastors freiwillig gestellte Fuhrwerke, die Eisenbahn und das Fahrrad. […]

Das Auto hat nun neben den Fahrten zu den Gottesdiensten, seelsorgerlichen Besuchen, Amtshandlungen, Konfirmandenunterricht und so weiter viele gute Dinge geleistet, so auch zu mancherlei Verhandlungen nördlich und südlich der Grenze, zu denen der Vorsitzende der Gemeinde mit seinem jugendlichen Pastor zu fahren hatte.“  

„Dies war auch der Fall, als wir beide zur ersten Teilnahme an der ersten ordentlichen Landessynode der Schleswig-Holsteinischen Landeskirche nach Rendsburg reisten. Es war aufregend und für uns erhebend, als wir, 'die Vertreter der Nordschleswigschen Gemeinde', dieses war jetzt der offizielle Name unserer Gemeinde, in dem 'Hohen Hause' in Rendsburg Grußworte wechseln durften mit der höchsten Vertretung unserer Heimatkirche. […]

Unter Pastoren spricht man, ohne Herabsetzung eventuell später betreuter Kirchengemeinden, von der ersten Gemeinde eines Geistlichen als von seiner 'ersten Liebe'. In diesem Sinne war für den Schreiber dieser Zeilen unsere 'Nordschleswigsche Gemeinde' die erste Liebe.“

(Gottfriedsen im Volkskalender 1973.  Zitiert nach Sönnichsen, Im Wandel der Zeiten, S. 149f)

Die Aufbauarbeit zehrt an den Kräften. Im Oktober 1925 sind sie aufgebraucht. Gottfriedsen wird bis auf weiteres krank geschrieben.  

„Ich habe darum um meine Entlassung aus dem Dienst der 'Nordschleswigschen Gemeinde' zum 31. März d.J. gebeten und mich gleichzeitig um die vakanten Pfarrstellen in KARLUM und LADELUND beworben.“

(Schreiben von Gottfriedsen am 20. März 1926 an das Landeskirchenamt. Personalakte Gottfriedsen – LKAK 12.03 Nr. 1547 S. 67)

1926 bis 1929 übernimmt Gottfriedsen die Pfarrstelle von Karlum in Südtondern.

Pastor im Pfarrbezirk Apenrade (1929 bis 1933)

Anfang 1929 beschließt der Vorstand der Nordschleswigschen Gemeinde, die inzwischen fünfte Pfarrstelle – den Pfarrbezirk mit Sitz in Apenrade – einzurichten.

Es „wird vorgeschlagen, dieses Amt ohne Ausschreibung Pastor Gottfriedsen zu übertragen, was von der sich unmittelbar anschließenden Vertretertagung bestätigt wird.“  (Sönnichsen, Im Wandel der Zeiten, S. 218.)

Fritz Gottfriedsen bleibt vier Jahre in Apenrade. Dann beruft ihn das Landeskirchenamt in Kiel als Propst für Südtondern und Pastor nach Leck.

Zum Abschied schreibt die „Nordschleswigsche Zeitung“ im November 1933:

Wohnhaus 1932 in der Moellegade 11 in Apenrade. (Foto: privat.)

„P. Gottfriedsen kannte als geborener Nordschleswiger die Verhältnisse, in denen er arbeitete, und war deshalb ganz besonders geeignet, hier als Pastor und Seelsorger zu wirken. Er hat dann auch in den Jahren, in denen er zunächst in Tingleff, dann seit 1929 in Apenrade arbeitete, eine außerordentlich segensreiche Tätigkeit entfaltet.  

Seine Predigten wurden gern gehört und gaben jedem etwas mit auf den Weg; als Redner bei kirchlichen und kulturellen deutschen Veranstaltungen fesselte er durch seine frischen, gehaltvollen Ansprachen, hinter denen man immer eine ganze Persönlichkeit spürte.  

Er hat es verstanden, die ihm als Pastor anvertrauten Deutschen zu sammeln, sei es in der Kirche, sei es bei Schulfeiern oder Gemeindeabenden, viel Segen ist von ihm ausgegangen, viel gute Saat unter den Deutschen von ihm gesät worden.  

Sein gewinnendes, liebenswürdiges Wesen machte es jedem leicht, mit ihm in nähere Berührung zu kommen und dann seine Persönlichkeit auf sich wirken zu lassen. Er wird hier eine große Lücke hinterlassen.“

(Zitiert nach Sönnichsen, Im Wandel der Zeiten, S. 224)

Leitungsaufgaben für die Nordschleswigsche Gemeinde (1935 bis 1945)

1933 wird Fritz Gottfriedsen als Propst für Südtondern nach Leck berufen. Dennoch bleibt er weiter in Nordschleswig eingebunden.

Die Vertretertagung der Nordschleswigschen Gemeinde überträgt ihm 1935 die „Revision der Geistlichen und ihrer Amtsführung in sinngemäßer Anlehnung an die Schleswig-Holsteinische Landeskirche“ – also die Dienstaufsicht über die Pastoren.

Ein Jahr später wird Gottfriedsen vom Landeskirchenamt mit den Verwaltungsangelegenheiten für die Nordschleswigsche Gemeinde beauftragt.

1939 richtet die nordschleswigsche Vertretertagung das Amt eines Propstes ein und überträgt es Gottfriedsen. Zwei Jahre danach erhält er vom Landeskirchenamt die offizielle Bestallungsurkunde.

1943 übernimmt er schließlich die Leitung des Kirchenamtes von Nordschleswig.

Alle diese Ämter füllt Gottfriedsen neben Pfarrstelle und Propstamt in Leck aus.

Er „hat soviel in Nordschleswig zu tun, daß er kaum in die Propstei kommen wird.“

So die Einschätzung von Rudolf Muuß in einem Schreiben vom 11. Januar 1934 an Reinhard Wester. Beide gehören in Südtondern zur „Not- und Arbeitsgemeinschaft Schleswig-Holsteinischer Pastoren“, dem Vorläufer der Bekennenden Kirche in der Landeskirche. (Nachlass Wester – LKAK 98.040 Nr. 138.)

Das Kirchenamt für Nordschleswig gründet 1943 Jens Möller. Er ist von 1939 bis 1945 Führer der NSDAP-Nordschleswig, seit der Gleichschaltung 1938 die Dachorganisation der deutschen Minderheit in Dänemark.

Das Kirchenamt soll die Arbeit von Nordschleswigscher Gemeinde und den Deutschen in der dänischen Volkskirche koordinieren.

Werner Best, Reichsbevollmächtigter für die deutschen Besatzungstruppen in Dänemark, sieht das Kirchenamt als zentrale Stelle „zur Überprüfung und Regelung der kirchlichen Angelegenheiten“, das nach „den Anordnungen und Richtlinien der Volksgruppenführung zu handeln“ habe. Es gehe darum, „auch auf kirchlichem Gebiet den dänischen Einfluß … zurückzudrängen.“

Gottfriedsen lobt Möllers Interesse am Kirchenleben und seinen Einsatz für die Kirche – auch wenn die Gründung des Kirchenamtes ohne jegliche kirchliche Legitimation erfolgt.

So bleibt die Nordschleswigsche Gemeinde die einzige Institution, die das Kirchenamt anerkennt. Von der Volkskirche wird es boykottiert, von den dänischen Behörden nicht anerkannt. (Vgl. Ingrid Riese, Die Nordschleswigsche Gemeinde, S. 66ff.)

Hoffnungen auf die Bestätigung als Propst von Nordschleswig (1946)

Erinnerungsstück: Gottfriedsen ließ aus eingeschmolzenen Silberlöffeln ein Propstkreuz anfertigen. Nach Ende des Propstamtes blieb es in seinem Besitz. (Foto: Jörn Möller.)

Nach dem Neuanfang 1945 bestätigt die Vorläufige Kirchenleitung (VKL) – trotz anfänglichen Zögerns – Gottfriedsen als Propst und will ihm das Propstamt in Oldenburg übertragen.

Gottfriedsen tritt dieses neue Propstamt nicht an. Er bittet die VKL, 

„ … mich im Pfarramt hier im Grenzgebiet zu belassen und die ausgesprochene Bestätigung im Amte eines Propstes auf das Amt als Propst der Nordschleswigschen Gemeinde übertragen zu wollen. […] Selbst wenn dieses Amt im Augenblick nicht weiter in Erscheinung treten kann, ist seine Aufrechterhaltung m.E. eine unserer Nordschleswigschen Gemeinde und ihren Gliedern gegenüber gezeigte Treueleistung.“

(Schreiben von Gottfriedsen am 15. Januar 1946 an das Landeskirchenamt. Zitiert nach Personalakte Gottfriedsen – LKAK 12.03 Nr. 1547 S. 123.)

Die VKL beruft am 8. Februar 1946 Gottfriedsen auf die zweite Pfarrstelle an St. Johannis auf Föhr. Die Fortführung des Propstamtes für Nordschleswig bleibt ungeklärt.

Gottfriedsen schreibt erneut: „… in Bezug auf mein Amt als Propst für die Nordschleswigsche Gemeinde bitte ich, auch weiter als Propst im Amt mich fühlen zu dürfen.“ (Schreiben von Gottfriedsen am 19. März 1946 an das Landeskirchenamt. Personalakte Gottfriedsen – LKAK 12.03 Nr. 1547 S. 123.)

Im September 1946 nimmt er auf Bitten der VKL als Gast an der Landessynode teil, um die Nordschleswigsche Gemeinde zu vertreten.

Im Oktober 1946 beschließt die VKL, das Propstamt für Nordschleswig aufzuheben.

Bewerbung um die Pfarrstelle im nordschleswigschen Gravenstein (1950/51)

1950 bewirbt sich Fritz Gottfriedsen wieder in Nordschleswig: Die Pfarrstelle für den Pfarrbezirk Gravenstein ist ausgeschrieben.

„Er wurde von der Bevölkerung gewünscht. Das Landeskirchenamt lehnte unter der Federführung von Bischof Wester die Zustimmung ab, weil er aufgrund von Gottfriedsens Position als Propst und Vorsitzender des Kirchenamtes während des Krieges Angriffe von dänischer Seite nördlich und südlich der Grenze befürchtete. Der Kampf artete mit Unterschriftensammlungen, Eingaben und Verhandlungen zu einem Machtkampf aus, der sich über viele Monate hinzog und schließlich zuungunsten der Nordschleswigschen Gemeinde beendet wurde.“  

(Riese, Die Nordschleswigsche Gemeinde, S. 29.)

Die Bischöfe Halfmann und Wester, unter denen die ehemaligen SS-Offiziere Beyer und Baader die landeskirchliche Pressestelle leiten, wollen einen unbelasteten Neuanfang in Nordschleswig.

„Es geht in allem, was hier zur Diskussion steht, nicht um kirchenpolitische Maßnahmen, sondern um eine kirchliche Verantwortung, die wir nur so wahrnehmen können, wie wir sie sehen. … zeigt sich auch wieder, daß die Nordschleswigsche Gemeinde in ihren führenden Männern irgendwie nachholen muß, was der deutschen Kirche … geschenkt wurde.“  

(Bischof Wester an Pastor Petersen. Zitiert nach: Riese, Die Nordschleswigsche Gemeinde, S. 29.)

„Herrn Propst a.D. Gottfriedsen, Nieblum/Föhr.

Sehr geehrter, lieber Herr Amtsbruder!

[…] In ihrer Sitzung am 17.8.[1951] hat die Kirchenleitung sich entschlossen, Ihnen mitzuteilen, dass, wenn der Fall Ihrer Berufung nach Gravenstein eintreten würde, sie dazu ihre Bestätigung nicht geben würde.

Wir sind uns bewusst, dass diese Stellungnahme Ihnen und auch Kreisen der Nordschl. Gem. eine Enttäuschung bereiten wird, denn es liegt ja auf der Hand, dass Sie mehr als andere Bewerber die günstigsten Voraussetzungen mitbringen würden. […]

Wenn Sie wieder als Amtsträger in Nordschleswig auftreten würden, so würde mit Ihrer Person die Erinnerung an die Jahre der Hitlerzeit und des Krieges wieder lebendig werden. [...]

Es sind uns auch gewichtige Stimmen von Mitgliedern der Nordschl. Gem. bekannt, die aus den gleichen Gründen wie wir selbst bei aller Freundschaft für Sie persönlich es für geraten halten, dass Sie das Amt in Nordschleswig nicht übernehmen möchten.“

(Bischof Halfmann am 21.8.1951 an Gottfriedsen. Personalakte Gottfriedsen – LKAK 12.03 Nr. 1547.)