Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis auf Föhr
... so weit der Himmel ist ...

Die aktuelle Predigt  

Hier finden Sie in der Regel die Predigten der letzten beiden Sonntage. Weitere Predigten finden Sie hier.

Wunder geschehen
Konfirmation, 30. April 2017 -- Kirsten Hoffmann-Busch & Philipp Busch

I

Wunder geschehen. Auf einmal ist er da, der Tag. War er nicht eben noch fast ein ganzes Jahr weit weg?
Da habt ihr euch das erste Mal getroffen, im Pastoratsgarten. Habt versucht, Bälle von einem zum anderen zu jonglieren, und euch gefragt, was das wohl werden soll.
Da lag der Tag heute noch unzählige Konferstunden und fallen gelassene Bälle entfernt. Aber jetzt ist er da.
Ihr sitzt hier in Tracht und Kleid, im Anzug. Die Familien sind da, auch die vom Festland sind gekommen. Nachher gibt es leckeres Essen. Und danach das Abflaggen.
Und das alles, um jede und jeden von euch zu feiern. Vierzehn Mal ein ganzes großes Fest, nur deinetwegen. Es ist ein Fest, dass du da bist. Ein Fest, weil du da bist. Ein Wunder.

Wunder geschehen. Auf einmal ist er da, der Tag. Aber das war doch eben gerade erst, dass euer Kind die ersten Schritte getappst ist und die ersten Worte gesprochen hat.
Und die Einschulung, die habt ihr doch gerade erst begangen. Und der Wechsel auf die große Schule liegt gerade erst hinter euch.
Da schien der Tag heute noch unvorstellbar weit weg. Und jetzt sitzt ihr dort und staunt und euer Kind sitzt hier vorne.
Kind? Manchmal tatsächlich noch Kind, aber meistens doch schon groß. Mit einem eigenen Willen, eigenen Vorstellungen, einem eigenen Leben.
Manchmal strengt das an. Aber heute macht das stolz und glücklich. Ein Wunder.

II

Wunder geschehen. Manchmal tun sie das einfach so. Weil die Zeit vergeht und wir mit ihr gehen.
Du lernst laufen und Mama sagen und auch Papa. Du entdeckst die Inselwelt um dich herum.
Du findest Freunde, mit denen du das gemeinsam tun kannst.
Du lernst lesen und schreiben und rechnen. Du beginnst zu reiten oder Schlagzeug und Trompete zu spielen.
Du entdeckst, dass Mädchen nicht nur zickig und Jungs nicht nur doof sind, sondern dass du dich auch verlieben kannst und jemand sich in dich verliebt.
Tag für Tag gehst du in der Zeit und in deinem Leben einen Schritt vorwärts. Und unterwegs geschehen dir lauter kleine und große Wunder.

Wunder geschehen. Manchmal tun sie das einfach so. Sie verstecken sich im Alltag und erscheinen dort ganz unscheinbar.
Sie fallen dir erst auf, wenn sie ausbleiben. Brichst du dir das Bein, weißt du, wie wunderbar es ist, Fußball zu spielen. Streitest du dich mit deiner besten Freundin, lernst du etwas über das Wunder Freundschaft.
Wunderbar fühlt sich dann die Versöhnungsnachricht von der Freundin an. Und wie wunderschön, wenn der Gips ab ist und du wieder gegen den Ball trittst.
Manchmal ist das eigentliche Wunder, wenn wir mitten im Alltag die Augen öffnen und beginnen zu staunen über die kleinen und großen Wunder.

III

Wunder geschehen. Wir gehen von Wunder zu Wunder. Und hin und wieder bleiben wir auf halber Strecke zwischen zwei Wundern stecken.
Der Schmerz im Körper, in der Seele verdunkelt dir den Augenblick. Die Sorgen verstellen dir den Horizont. Du hängst fest im Treibsand. Du wanderst durch ein finsteres Tal.
Wie gut, wenn du dich dann erinnerst. Besser noch: Wenn einer dich erinnert. An das Wunder, das dein Leben ist. An die grüne Weide, von der du kommst.
Sehnsucht wächst dann in dir. Sehnsucht nach einem neuen Wunder, das dich heraus bringt aus dem finstern Tal. Das dich auf eine neue grünen Aue führt.
Mit dieser Sehnsucht fängt das Wunder an.

Wunder geschehen. Wir gehen von Wunder zu Wunder. Und hin und wieder werden wir auf halber Strecke zwischen zwei Wundern getragen.
Das ist wie beim Marathon. Du hast keine Luft mehr. Deine Beine wollen dich nicht mehr tragen. Plötzlich aber laufen sie von alleine weiter und du bekommst die zweite Luft.
Wie gut, wenn du dann ein Ziel vor Augen hast: ein Wunder, wie du es schon einmal erlebt hast und also auch wieder erleben wirst. Die grüne Weide am Ende des finstern Tals.
Glaube wächst dann in dir. Du hältst es für wahr, dass das Leben es gut mit dir meint. Du vertraust darauf, dass es ein Geschenk ist, das voller Wunder steckt.
Mit diesem Glauben wird das Wunder möglich.

IV

Wunder geschehen. Wie wichtig, dass wir das hin und wieder und gemeinsam feiern. Zum Beispiel heute, bei der Konfirmation eurer Kinder.
Wer feiert, schaut zurück. Vielleicht habt ihr eine Kiste gepackt. Mit Babyschuhen und Milchzähnen. Oder ihr habt eine Fotoshow vorbereitet. Mit Einschulungsbildern und Urlaubsschnappschüssen.
Wer feiert, sagt Dank für die Wunder, die er erlebt hat. Jedes große und jedes kleine Wunder im Leben eurer Kinder ist ein Band. Ein Band, das der Gott knüpft, der Wunder vollbringt.
Jeder große und jeder kleine Dank, den ihr sagt, ist ein Band. Ein Band, das ihr knüpft. Das heißt Konfirmation: festmachen – Gott, der Wunder vollbringt, macht eure Kinder fest.

Wunder geschehen. Wie gut, dass ihr das gemeinsam und jeder für sich feiern könnt. Heute, bei eurer Konfirmation.
Wenn ihr heute feiert, schaut ihr auf das, was verlockend kommt. Haare abschneiden oder färben. Lehre beginnen oder Abitur machen. Durch die Welt reisen oder ein Haus bauen.
Wenn ihr heute feiert, tut sich vor euch ein weiter Raum auf. Voller kleiner und großer Wunder, die auf euch warten. Gefüllt mit einem Versprechen: Gott meint es gut mit euch und mit jedem ganz besonders.
Dazu segnen wir euch, jede und jeden einzeln: Damit du hörst, was Gott dir verspricht. Du bist frei, deinen Weg zu gehen. Das heißt Konfirmation auch: freimachen – Gott, der Wunder  vollbringt, macht euch frei.

Am Ende der Sackgasse
Karfreitag, 14. April 2017 -- Kirsten Hoffmann-Busch & Philipp Busch

I
Wir stehen am Ende des Weges. Vor uns richtet sich das Kreuz auf – das tödliche Ende einer Sackgasse. Von hier aus geht es nicht mehr weiter.

Es ist der Weg Jesu, der hier und heute endet. Wir sehen auf sein grausames Ende. Wir sehen auf den Schmerzensmann – die Figur, die im Fuß des Altaraufsatzes sitzt.

Sie zeigt Jesus, wie er nie zu sehen war und wir uns ihn doch vorstellen und anschauen sollen. Ganz ruhig und aufrecht sitzt  er da. Die Augen sind geschlossen. Die Hände hat er flach auf die Knie gelegt.

Dabei müsste er doch schreien. In der Brust klafft die Wunde die ihm die Soldaten mit der Lanze stechen. Hände und Füße sind von den Nagelmalen gezeichnet. Die Dornenkrone windet sich um den Kopf.

Er müsste doch schreien. Die Wunden schneiden doch ins Fleisch. Das Gefühl, verlassen und verraten zu sein, schneidet doch ins Herz.

Aber er sitzt dort ruhig und aufrecht. Vielleicht damit der, der ihn anschaut, statt seiner anfängt den Schmerz zu fühlen und aufzuschreien.

Das ist doch zum Schreien: So viele Geschichten erzählen davon, wie Jesus Menschen auf neue Wege half. Manchen öffnete er die Augen, andere stellte er auf eigene Beine. Wieder anderen wies er ganz neue Wege. Und alle fanden sie zum Leben.

Aber Jesus selber kann sich nicht helfen und will sich nicht helfen lassen. Er geht den Weg, der ihn ins Verderben führt.

Der Schmerzensmann zeigt noch nicht einmal ein Spur von Zögern oder Angst. Ruhig geht er, bis sich das Kreuz vor ihm aufrichtet – das tödliche Ende einer Sackgasse.

II

Wir stehen am Ende dieses Weges. Es ist auch das Ende des Weges, den Gott mit den Menschen geht.

Jesus stellte die letzte Hoffnung Gottes für seine Menschen dar. Er versuchte, den Menschen das Leben und die Liebe zu zeigen, die in Gottes Geboten steckten. Die Menschen, so scheint es, hatten das ganz vergessen.

Die Gebote, das waren für sie kalte Vorschriften. Manchmal bogen sie die so hin, dass sie von Liebe völlig entleert waren. Und dann wieder machten sie die so starr, dass sie alles Leben erstickten.

Jesus aber wollte zum Leben befreien. Dadurch, dass er den Menschen klar machte: Euer Leben kommt aus Gott. Baut euer Leben auf Gott.

Jesus wollte zur Liebe befreien. Dadurch, dass er den Menschen zeigte: Leben könnt ihr nur mit anderen Menschen gemeinsam. Schaut auf die Menschen an eurer Seite.

Aber Jesus scheitert. Mit ihm scheitert auch Gott. Die Liebe und das Leben, die er für die Menschen will – Menschen sprechen das Todesurteil über sie und nageln sie ans Kreuz.

Damit stirbt auch die letzte Hoffnung der Menschen. Nun sitzen die Menschen fest. Sie sind Gefangene des Todes. Wer auf sein Leben schaut, muss unweigerlich auf seinen Tod schauen.

Der sagt: „Dein Leben ist nichts, ich aber, dein Tod, ich bin alles.“ Der Tod macht Angst. Und Angst macht Wut. Und Wut macht Gewalt.

So sind die Menschen auch Gefangene der Gewalt. Sie wehren sich mit aller Gewalt gegen ihren Tod. Aber gerade damit gehen sie ihm in die Falle.

Sie schwingen sich auf zum Herrn über Leben und Tod. Sie tun anderen Gewalt an, um selber keine zu erleiden. Sie bringen anderen Tod, um dem eigenen Tod zu entfliehen.

Welch ein Irrsinn. Sie schaffen das, wovor sie doch am meisten Angst haben. Gewalt und Tod fallen auf sie zurück. Und am Ende stehen auch sie am Ende der Sackgasse.

III

Es ist also das Ende des Weges, an dem wir angelangt sind. Aber vielleicht tut sich doch noch eine kleine Öffnung auf, ein kleiner Durchschlupf am Ende der Sackgasse.  

Was, wenn dieser Tod am Kreuz nicht das Ende, sondern der Anfang ist? Was, wenn der Tod an sich nicht das Ende, sondern ein Beginn ist?

So sagt es der Hebräerbrief:

Christus ist der Vermittler eines neuen Bundes. Der Eintritt seines Todes bedeutet für uns die Erlösung von den Übertretungen aus der Zeit des ersten Bundes. Dadurch können alle, die berufen sind, das versprochene ewige Erbe erhalten.
(Brief an die Hebräer 9,15)

Jesus stirbt am Ende seines Weges. Es sieht aus, als würden Tod und Gewalt siegen, als hätte Jesus, als hätte Gott ihnen nichts entgegen zu setzen.  

Aber dieser Tod am Kreuz ist keiner, der sich spurlos im Nichts verliert. Jesu Tod hinterlässt Spuren in dieser Welt. Er hinterlässt Spuren bei den Menschen und bei Gott. Er knüpft ein neues Band zwischen Gott und den Menschen.

Dort, am Ende der Sackgasse, am Kreuz, kommt Gott dem Menschen so nah wie noch nie zuvor. Gott kommt dem Menschen so nah, dass wir den Schmerz in seinen Augen sehen können.

Wir sehen den Schmerzensmann an und seine Wunden – und sehen die Wunden, die Menschen einander schlagen. Wir sehen, wie Gott an dem leidet, was Menschen einander antun.

Wir sehen, wie Gott mit geschlossenen Augen aushält, wie blindwütig Menschen das Leben vernichten. Gott, so wirkt es, tut nichts. Gar nichts. Der Schmerzensmann sitzt ruhig da, die Hände im Schoß.

Jesus steigt nicht vom Kreuz herunter. Er schlägt nicht mit seiner Allmacht zu. Er überlässt Tod und Gewalt das Feld. Als wäre er ohnmächtig.

Aber gerade darin verbindet sich Gott wieder und neu mit den Menschen: Gott trägt das Leiden. Er erträgt das Leid. Gott erduldet die Gottesferne. Gott duldet den Tod.

Dort, wo wir Gott nicht mehr sehen, wo wir fragen: „Wo ist Gott?“ – genau dort ist jetzt auch Gott. Weil er sich Tod und Gewalt aussetzt, sich ihnen unterwirft, in sie hineingeht.

Menschen wollen dem Tod entfliehen – und bringen einander den Tod. Gott geht in den Tod und hält ihm stand – und bringt Leben.

IV

Wir stehen also am Ende des Weges – und sehen, wie sich ein neuer Weg auftut. Am Kreuz gibt es nichts mehr, was Gott und Menschen trennt.  

Tod und Gewalt können die Menschen nicht mehr von Gott trennen – weil Gott selber sie erduldet und erleidet und erträgt. Gott ist dir selbst in der größten Gottesferne noch nah.

Damit wendet sich die Zeit. So sagt es der Hebräerbrief:

Jetzt, am Ende der Zeiten, ist Christus ein einziges Mal erschienen. Und durch sein Opfer hat er die Sünde aufgehoben. Wenn er das zweite Mal erscheint, geschieht das nicht wegen der Sünde. Sondern es geschieht, um alle zu retten, die auf ihn warten.
(Brief an die Hebräer 9,26b-28)

Die Zeit wendet sich – und hinter dem Kreuz tut sich ein Weg auf. Am Ende der Sackgasse geht es doch weiter.

Dort am Kreuz hebt Gott die Gottesferne auf. Wo ich auch stehe im Leben – es gibt keinen Ort mehr, an dem ich Gott fern bin.

Wo du auch stehst im Leben – an jedem Ort kommt Gott dir nah. Und deshalb ist neues Leben möglich. Und deshalb kann die Angst vor dem Tod schwinden.

Natürlich: Der Tod ist weiter in der Welt und setzt dem Leben seine Grenzen. Die Gewalt zieht weiter ihre Schneisen durch die Welt und schlägt jedem einzelnen Leben Wunden.

Tod und Gewalt haben sich nicht verändert. Aber mein Blick auf sie kann sich verändern.

Ich kann die Grenze annehmen, die der Tod meinem Leben zieht. Weil Christus ihn für jede und jeden von uns getragen hat. Keiner stirbt sich mehr allein. Gott ist auch im Tod bei dir.

Ich kann die Augen öffnen für die Gewalt um mich herum. Weil Christus sie für jede und jeden von uns erlitten hat. Die Gewalt ist weniger zwangsläufig geworden, weil wir ihr nicht mehr wehrlos ausgesetzt sind.

Der wehrlose Christus am Kreuz gibt Kraft, die erhobene Hand zu senken und die andere Wange hinzuhalten.

V

Am Ende des Weges beginnt die Hoffnung. Ich will hoffen, dass – wo und wann Gott will – gar kein Tod und gar keine Gewalt mehr in Menschenleben und in der Welt sind.  

Der Tag wird kommen, an dem für Tod und Gewalt kein Platz mehr auf der Welt ist, weil Leben und Liebe alles ausfüllen.

Der Tag wird kommen, an dem alle Wege in die Liebe und zum Leben führen.

Das macht das Kreuz zu einem Hoffnungszeichen. Am Ende der Sackgasse wartet das Leben. Gottes Weg geht weiter.


Wenn Jesus Wunder tut...
Wundergeschichten, erzählt von Konfirmand_inn_en -- Vorstellungsgottesdienst, 26. März 2017

Jesus und das brennende Haus

Ein Blitz schlägt in ein Haus ein. Das Dach besteht aus Reet. Das Dach beginnt sofort zu brennen. Die Leute flüchten aus dem Haus nach draußen.
Zufällig ist Jesus bei ihnen Besuch. „Habt keine Angst! Ich kümmere mich darum“, sagt er zu ihnen.
Dann schaut Jesus in den Himmel uns sagt: „Lösche diese Flammen!“ Sofort beginnt es zu regnen. So doll, dass das Feuer gelöscht wird.
Das Haus hat kaum Schaden genommen. Nur die oberste Reetschicht ist abgebrannt. Die Leute sind überglücklich.
Sie wundern sich, wie das sein kann. Sie wollen sich bei Jesus bedanken. Aber sie können ihn nicht mehr finden.

Jesus macht Urlaub auf Föhr

Mathias macht eine Radtour in der Föhrer Marsch. Er ist kurz unaufmerksam. Schon liegt er auf dem Boden. Er kann sich nicht bewegen und schreit vor Schmerz.
Als es dann auch noch anfängt zu regnen, hält Mathias inne. Alles wird nass, nur er nicht. Auf der Straße kommt ein Mann näher – mit langen Haaren, Bart und Sandalen. Der Mann reicht Mathias die Hand und schon geht es ihm wieder gut wie nie zuvor.
Ohne etwas zu sagen, geht der Mann die Straße weiter. Und Mathias steht fassungslos da.
Er erzählt allen von diesem Erlebnis. Aber den Mann trifft er nie wieder.

Jesus kommt ins Krankenhaus

Viele Kinder sind im Krankenhaus. Die einen sind magersüchtig, die anderen haben Krebs oder sind gelähmt. Sie kommen zusammen in ein Zimmer und lernen sich immer besser kennen und unterstützen sich gegenseitig. Sie werden immer mehr zu einer Familie und gründen einen Club.
Da liegt einer von ihnen im Sterben. Die anderen sind verzweifelt und beten zu Gott. Aber es sieht so aus, als würde der Krebskranke sterben. Alle weinen und schlafen an seinem Bett ein.
In der Nacht kommt Jesus zu Besuch. Er setzt sich an das Bett des Kranken. Er legt ihm die Hand auf und betet zu Gott. Dann geht er wieder.
Am nächsten Morgen werden die Kinder, die am Bett gewacht haben, früh munter. Aber ihr kranker Freund ist nicht mehr da. Alle machen sich total Sorgen und suchen ihn. Auf dem Flur finden sie ihn. Er sagt, er sei geheilt. Da ist ein Wunder geschehen. Jesus hat ihn geheilt.
Die Freund beten gemeinsam weiter – in der Hoffnung auf Heilung. Nacht für Nacht kommt Jesus zu einem von ihnen zu Besuch, ohne dass es die anderen merken. Nacht für Nacht wird einer von ihnen geheilt. Sie erzählen es im Krankenhaus weiter.
Als sie das Krankenhaus verlassen, bleiben sie weiterhin Freunde. Dieses Erlebnis hat sie alle geprägt.

Nur ein Augenblick
Gottesdienst zur InselBibelWoche, 12. März 2017 -- Philipp Busch

Es war einmal irgendwo eine Kirchengemeinde, der ging es schon einmal besser. Vor gar nicht allzu langer Zeit waren die Kirche sonntags voll und die Gottesdienste fröhlich. Irgendwann aber verlor sich nur noch ein trostloses Häuflein in der viel zu großen Kirche und sang ganz zaghaft.
Da kam eines sonntags ein Fremder vorbei. Er schaute sich alle einzeln an, die verloren in den Kirchenbänken saßen. Schließlich sagte er: „Einer von euch ist der Messias – verkleidet – und ihr merkt es nicht.“
Als er das gesagt hatte, drehte er sich um und verließ die Kirche. Die Menschen blieben ohne ihn zurück und schauten sich um. Einer von denen ist also der Messias. Der Mensch, in dem Gott zu ihnen kommt. Aber wer?
Vielleicht die Frau, die immer auf den letzten Drücker zu ihrem Platz schleicht? Oder die Konfirmanden, die tuscheln, statt zu singen?
Der Küster womöglich, der ist ja schließlich immer da und oft genug mit Gott allein in der Kirche. Oder die Organistin, die manchmal so spielt, als wären die Stücke nicht von dieser Welt.
Aber wahrscheinlich doch eher einer von den Urlaubern. Die kennt man ja nicht. In denen könnte sich am ehesten der Messias unerkannt verstecken.
Da saßen die Leute also in ihren Kirchenbänken und schauten sich um. Und jeder, den sie anschauten, verwandelte sich unter ihren Blicken.
Er verlor die Gesichtszüge, die ihn sonst auszeichneten. Die Spuren der Woche, die dort für gewöhnlich zu sehen waren, verwischhen. Die Sorgenfalten glätteten sich. Die Sonntagmorgenmüdigkeit verschwand.
Die Gesichter begannen zu leuchten. Lachte aus ihren Mundwinkeln einem nicht die Lebensfreude entgegen? Sagten seine freundlichen Blicke nicht: Gut, dass ausgerechnet du heute Morgen da bist?
Ja, du könntest der Messias sein. Und selbst, wenn du es nicht bist: In deinem Gesicht kann ich etwas entdecken, das mehr ist, als du bist. Ich schaue dich an und ich sehe: Wir sind nicht allein. Da ist immer einer, der dich anschaut. Freundlich, segensreich.

Heute ist der Abschluss der InselBibelWoche. An drei Abenden kamen wir zusammen. Jeweils ein Dutzend Menschen saß erst an einem Tisch und aß gemeinsam. Und wechselte dann in einen Kreis, um aus einer Bibelgeschichte und voneinander etwas zu lernen über den Glauben.
„Bist du es?“ So lautete die Frage, die uns begleitet hat.
Am ersten Abend hier in Nieblum war das die Frage, die Johannes der Täufer an Jesus stellen lässt. Bist du es, der kommen soll – oder müssen wir auf einen anderen warten?
Jesus antwortet auf diese Frage weder mit Ja noch mit Nein. Sondern: Sagt weiter, was ihr hört und seht: Lahme gehen, Blinde sehen, Taube hören, Aussätzige werden rein. Hier ist einer, der seinen Segen ausschüttet über Menschen.
Und wir haben das getan: Von dem Segen erzählt, den wir erfahren haben. Wie eine getröstet wurde, wo sie doch eigentlich untröstlich war. Wie einer eine Last von der Schulter genommen wurde, von der sie dachte, die müsste sie alleine tragen.
Der zweite Abend in Süderende knüpfte beim Segen an: Selig seid ihr – so fängt Jesus seine Bergpredigt an. Selig seid ihr, auch wenn euer Leben gar nicht danach aussieht.
Wir haben uns gefragt, ob das eine Vertröstung ist oder ein Trost. Und wussten wieder zu erzählen von Augenblicken, in denen sich das Herz weitet vor Lebensglück und wir uns überreich beschenkt fühlen. Was für ein Trost.'
Wohl wissend, dass es nur Augenblicke sind, in denen wir selig sind. Wir können sie nicht festhalten. Aber die Fülle, die in ihnen steckt, nährt die Hoffnung: So ein Zustand der Gnade kommt wieder.
Um solch einen Augenblick ging es am dritten Abend in Wyk. Petrus steht im schwankenden Boot und sieht Jesus auf dem Wasser und fragt: Bist du es? Komm!, antwortet Jesus. Und Petrus steigt aus dem Boot und geht über das Wasser auf ihn zu.
Nur ein Augenblick. Aber einer, der sich endlos dehnt. Weil das Leben trägt, weil der Glaube trägt. Ein Gefühl, als ginge ich über Wasser.
Wir haben den Ort gesucht, an dem wir in dieser Geschichte stehen. Am sicheren Ufer? Im schwankenden Boot? Oder mitten auf dem Wasser, Schritt für Schritt auf Jesus zu? Bist du es, der mich hält?

Wer bei allen drei Abend dabei ist, hatten wir vorher etwas waghalsig angekündigt, entdeckt einen roten Faden. Für mich habe ich einen gefunden. In der Frage, die Johannes und Petrus stellen: Bist du es, Jesus?
'Erstaunlich, dass die beiden das fragen. Sie sollten es doch eigentlich wissen. Der Vorläufer Johannes, der Jesus getauft hat. Und der Nachfolger Petrus, den Jesus zu seinem Stellvertreter gemacht hat.
Aber sie wussten es nicht. Sie mussten nachfragen. Oder anders: Sie wussten es wohl. Aber sie mussten es noch einmal erfahren. Und noch einmal. Und noch einmal.
Darin fühle ich mich ihnen nah. Ich glaube – und das heißt: ich bin überzeugt und ich vertraue. Aber ich kann nicht einfach so glauben. Ich brauche gute Gründe.
Ich brauche Augenblicke, die mich glauben machen. Augenblicke, die ich erlebe und von denen ich danach erzählen kann.
Vielleicht war sogar das der eigentliche rote Faden der InselBibelWoche: Dass wir genau das getan haben – uns von unserem Glauben zu erzählen und von den Augenblicken, die ihn ausmachen. Von den Augenblicken, in denen es die Antwort gibt auf die Frage: „Bist du es, Jesus?“

Wie diese Augenblick aussehen und wo wir sie finden – dafür legt Jesus noch eine ganz andere Spur.
Ihr wisst es doch längst, sagt er: „Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war ein Fremder, und ihr habt mich als Gast aufgenommen. Ich war nackt, und ihr habt mir Kleider gegeben. Ich war krank, und ihr habt euch um mich gekümmert. Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht.“ (Matthäusevangelium 25, 35 – Lutherbibel 2017)
Die Spur, die Jesus legt, führt von ihm weg. Sie führt weg von den heiligen Augenblicken, in denen wir in der Kirche oder im Watt oder in der Marsch mit Gott und uns allein sind.
Sie führt weg vom Gebet und der Zwiesprache mit Gott. Als ginge es gar nicht um Gott, wenn es um Gott geht. Als würden wir Jesus gar nicht finden, wenn wir ihn suchen.
Jesu Antwort führt zum Nächsten. Zum Menschen neben dir, neben mir. Als müssten wir ihn gar nicht erst lange suchen. Weder den anderen noch Jesus.
Als müssten wir nur die Augen öffnen und den Kopf heben und dem ersten Menschen ins Angesicht schauen, der uns begegnet. Und schon sehen wir ihn. Den anderen. Und Jesus.
Wenn wir ihn sehen. Dass wir es tun, daran entscheidet sich, ob wir Menschen sind. Daran entscheidet sich auch, ob wir Gott hineinlassen in unser Leben.
Es geht um den Augenblick. Den kurzen Augenblick, in dem sich die Blicke treffen, vom anderen und von mir.

Die Mutter ist gestorben. Nach einem erfüllten Leben, am Ende einer Demenz, als er und alle Kinder an ihrem Sterbebett versammelt waren. Ein Tod, auf den seine Mutter gewartet hat und mit dem auch er einverstanden ist.
Die Trauer macht das nicht kleiner. Eine Geschichte ist zu Ende gegangen. Jetzt gibt es nur noch Erinnerung. Das muss ich ihr erzählen, fängt der Gedanke an und bricht jäh ab. Sie ist ja nicht mehr da.
Sie liegt in dem Sarg, hinter dem er jetzt aus der Kirche zieht. Zwischen den voll besetzten Kirchenbänken hindurch. Das halbe Dorf ist gekommen, weil es sich gehört. Die Freunde, weil es ihnen wichtig ist.
Er hebt den Blick vom Sarg auf. Er sucht nach den Gesichtern der Menschen, an denen er vorbei zieht. Leere Blicke, starr auf den Boden gerichtet. Als wäre da kein Sarg. Als ginge er gar nicht vorbei.
Da: Ein Augenpaar, das ihn anschaut. Er sieht, wie es feucht glänzt. Er sieht das leise Lächeln. Er spürt, wie eine Träne durch sein Gesicht läuft und es sich kurz entspannt.
Ein Augenblick nur. Aber er weiß: Der andere hat mich gesehen. Er teilt mein Leid, auch wenn es nicht seines ist. Er schenkt mir Trost. Er schenkt mir einen freundlichen Blick.

Senke ich den Blick, wende ich ihn ab? Überlasse ich den anderen sich selber? Oder halte ich dem Blick stand?  Erwidere ich seinen Blick? Und andersherum: Öffne ich mich für den Blick des anderen? Lasse ich ihn hineinschauen in mein Leben, in meine Seele? Schaue ich ihn an und zeige ihm, wie es mir geht?
Wenn sich die Blicke treffen, ereignet sich ein Augenblick. Ein gefüllter Augenblick, der verbindet. Zwei Menschen, die sich einander anvertrauen.
Ganz ohne Worte womöglich. Nur über einen Blick, der sagt: So geht es mir. Und einen Blick, der antwortet: Ich sehe dich. Wo die Blicke sich treffen, ereignet sich der Augenblick.
Eine gefüllte Zeit, in der die, die sich anschauen und sehen, zu dritt sind.
Die Augen Jesu, die mir aus den Augen des anderen entgegen blicken. Ein Blick, der mich anlächelt. Mich versteht. Mich annimmt. Mir Mut macht. Mich segnet.
Die Augen Jesu, mit denen ich den anderen anschaue. Ein Blick, der in dem anderen einen sieht, dem Gott sich zuwendet. Auf dem Gottes Segen ruht wie mein Blick. Leicht und freundlich.
Zwei Blicke, die einander anschauen und mehr sehen und mehr zeigen als sich selber.
Bist du es?, fragen sie. Der andere ist der Messias, sagen sie: Was ihr für einen eurer Brüder oder eine eurer Schwestern getan habt – und wenn sie noch so unbedeutend sind –, das habt ihr für ihn getan.