Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis auf Föhr
... so weit der Himmel ist ...

Verreist

„Er ist nicht da.“ Die alte Frau schaute ihn mit einem traurigen Lächeln an. Der junge Mann war verdutzt.

Der alte Mann war doch immer da gewesen. Jedes Jahr, im Herbst, wenn er ins Dorf kam, um Urlaub zu machen, war er da gewesen.

Schien die Sonne, hatte der Alte auf seiner Bank vor dem Haus gesessen und die Straße herauf und herunter geschaut. Ging ein kalter Wind, hatte er aus dem Wintergarten die Straße herauf und herunter geschaut.

Beim ersten Besuch im Dorf hatte der Junge über den Alten gelächelt. Das Jahr darauf hatten sie sich gegrüßt. Im dritten Jahr hatten sie sich über den Gartenzaun unterhalten.

Die Jahre danach setzte sich der Jungen eine Weile neben den Alten auf die Bank oder in den Wintergarten.

Dann hatte er dem Alten erzählt. Von seinem Beruf, der ihn weit herumführte. Heute New York, morgen Tokio, übermorgen Dubai. Von seinen Reisen, die ihn in den Rest der Welt führten. Nach Alaska, in den Himalaya, an den Amazonas.

Der Alte hatte zugehört, gelächelt, den Kopf gewiegt. Ob er nicht auch einmal verreisen wolle, hatte der Junge ihn jedes Jahr gefragt. „Nächstes Jahr, so Gott will“, lautete immer die Antwort.

So stand der Junge jetzt vor der alten Frau: „Er ist nicht da? Ist er ver­reist?“

Die Alte lächelte wieder traurig. „Nein, er ist zuhause.“ Der Junge schaute noch verwirrter.

Die alte Frau hob langsam den Arm und zeigte die Dorfstraße hinauf. Der Junge sah den Kirchturm. Er sah die Mauer aus Feldsteinen.

Jetzt verstand er. Der alte Mann war nach Hause gereist. Er würde ihn besuchen gehen. Auf dem Friedhof.

Ihr Pastor Philipp Busch